The Division - Agent X

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Tom
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The Division - Agent X

Post by Tom » 17 Apr 2019, 10:01

Ich war 19, als mein Land mich rief.
Alles in Allem war ich nichts Besonderes. Meine Noten waren gut, nicht herausragend, und meine ersten beiden Jahre auf der Uni, ein Leben hin und hergerissen von einem seltsamen Verhältnis mit Pete, dem zweiten Tide-End des Uni-Teams, der Notwendigkeit zu meinem Stipendium noch zu arbeiten und der Erkenntnis, dass ich mich fast noch mehr für Teela, die Leiterin der Studenten-Peta-Aktivisten interessierte, als für den angehenden Footballprofi.
Wonach genau sie ihre Rekrutierungen ausrichten, ist mir nach wie vor ein ziemliches Rätsel.
Es ist klar, sie bevorzugen eine gewisse Fitness, eine Affinität zu Sport oder etwas Gleichwertigem, was ihnen anzeigt, dass man nicht nur im Moment körperlich in guter Form ist, sondern es auch bleibt. Ein militärischer Hintergrund ist erwünscht, aber nicht Voraussetzung.
Die geistigen Voraussetzungen jedoch, oder gar die psychologischen, sind so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann.
Mich sprach ausgerechnet Teelas Freundin nach einer Demo an. Die ganze Sache war ein wenig aus dem Ruder gelaufen und ich hatte sogar eine lautstarke Meinungsverschiedenheit mit der jungen Frau, zu der ich mich irgendwie hingezogen fühlte.
Demonstrationen waren das Eine, aber eine Lieferung mit Roh-Pelzen zu kapern und diese dann mit Neonfarbe zu ruinieren, das war etwas völlig Anderes.
Oh, ich war keine Heilige und stand hinter der Sache. Ein bisschen das Gesetz zurechtbiegen, hätte mir keine schlafloses Nacht beschert. Aber ich sah auch die andere Seite. Es gab Leute, die mit genau den Pelzen ihren Lebensunterhalt verdienten und ich meinte nicht den Typen, der eine illegale Nerzfarm unterhielt, in der die armen Viecher in den schlimmsten Umständen gehalten wurden. Die Lösung war ein anderes Bewusstsein beim Konsumenten zu schaffen, nicht den Handwerker und die Händler zu schädigen, und dafür womöglich auch noch im Knast zu landen, ohne dass man damit auch nur ein einziges Chinchilla-Häschen gerettet hätte.
Faye war mir unverhofft beigesprungen und nach einem ziemlich hitzigen Disput mit Teela, waren wir beide dann verschwunden.
Wir waren danach Freunde geworden, oder zumindest will ich das glauben. Aber Faye war nicht nur als Person - oder als Frau – an mir interessiert. Ihr gefiel meine Einstellung, etwas ändern zu wollen, die Ärmel hochzukrempeln, aber dabei nicht gleich eine Revolution anzuzetteln.
Ich fiel aus allen Wolken, als ich erfuhr, dass sie am Navel War College studierte und nebenbei am City College New York ihren Bachelor in Wirtschaftswissenschaften machte.
Sie stellte mir ihre kleine Schwester Heather vor, die sie seit dem Tod ihrer Eltern aufzog und die wahrscheinlich eine echte Karriere als Musikerin vor sich hatte, so zumindest meine bescheidene Meinung.
Bei einer Klettertour, zu der ich Faye eingeladen hatte, brachte sie schließlich Louis Chang mit. Sie stellte ihn als alten Freund der Familie vor und zunächst hatte ich wenig Grund, daran zu zweifeln.
Er interessierte sich sehr für meine Studienfächer, Philosophie und Physik und bald hatte ich den Verdacht, dass Faye versuchte, mich zu verkuppeln. In einer sehr privaten Unterhaltung teilte ich Louis meinen Verdacht mit und zugleich so zartfühlend wie möglich, dass ich dahingehend keine Interessen verfolgte, doch damit brachte ich den guten Mann zuerst nur in Verlegenheit bis wir anschließend beide darüber lachen konnte.
Louis und ich blieben in Verbindung, während der Kontakt zu Faye immer weniger wurde. Unser beider Studium ließ uns auch wenig Zeit. Doch Louis schien diese Art von Mensch zu sein, der nicht so leicht den Kontakt verlor. Immer wieder machten wir gemeinsam Urlaube mit Kletter-Touren und von ihm habe ich auch den ersten Umgang mit Schusswaffen gelernt. Natürlich dachte ich mir nichts dabei. Wenn man in der Wildnis Arizonas unterwegs ist, schadet es überhaupt nicht, mit einem Gewehr oder wenigstens einer Pistole umgehen zu können.
Doch als ich endlich mein Studium beendet hatte, immer noch mit nur wenig besseren Noten als der Durchschnitt, rückte Chang mit der Sprache heraus.
Mir war längst klar, dass er irgendwie fürs Militär arbeiten musste, aber nicht darüber sprechen konnte. Das war für mich ok. Nicht einmal seine Frau Helen wusste genau Bescheid, aber wenn es für sie schon in Ordnung war, warum sollte es nicht für mich sein? Immerhin hatte ich so einen zuverlässigen Kletter-Partner gefunden, der nicht dauernd nur über seinen Job sprach. Im Gegenteil sprachen wir kaum etwas, wenn wir in den Bergen unterwegs waren, was mir ganz gut gefiel. Auch wenn ich einen Beruf als Lehrer anstrebte, hatte ich schon immer die Tendenz lieber zuzuhören und zuzupacken, als lange darüber zu reden - ich weiß, nicht gerade das, was man von einer Philosophin erwartet.
Chang erklärte mir, dass er für die Homeland Security arbeitete und seit 2002 Teil einer strategischen Abteilung war, die als Folge eines Experiments namens Dark Winter entstanden sei.
Dort hätte man simuliert, wie gewisse Anschläge, biologische, atomare oder auch Cyberattacken die USA beeinflussen würden. Nach dem 11. September war es nur logisch gewesen, solche Szenarien durchzudenken.
Das Ergebnis war verheerend. Ab einer gewissen Größenordnung des Anschlags, würden grundlegende Institutionen einfach zusammenbrechen. Chaos würde ausbrechen und die Opfer unter der Zivilbevölkerung schnell in die Hunderttausende gehen.
»Dark Winter hat gezeigt, wie verwundbar wir geworden sind. Unsere Art zu leben und die Garantie dafür hängt von einer zerbrechlichen, instabilen Wirtschaft ab. Wir haben ein System erschaffen, so komplex, so unübersichtlich, dass wir uns eigentlich nur vorgaukeln, es zu kontrollieren, in Wahrheit kontrolliert es uns. Das System basiert auf globalen Abhängigkeiten und Versorgungsketten. Öl, Strom, weltweiter Warenverkehr – wir leben in einer komplexen Welt und je komplexer sie wird, umso zerbrechlicher wird das Kartenhaus, welches wir errichtet haben. Wenn man nur eine einzige Karte entfernt, bricht das Haus in sich zusammen. Und der Treibstoff des Systems? Geld! Was würde aber passieren, wenn Geld auf einen Schlag wertlos wäre, weil es einfach nichts mehr zu kaufen gäbe?«
Ich war erschüttert, aber nicht halb so überrascht, wie ich selbst gedacht hätte. Irgendwo hatte diese Erkenntnis schon immer am Rande meines Bewusstseins darauf gewartet, bis ich mir ihrer bewusst werden würde.
Daher hatte man die strategische Heimatschutzabteilung, oder Strategic Homeland Division ins Leben gerufen und Chang war der Northeast Section Senior Division Commander - was für ein Titel! Die Division-Agents sollten im Fall des undenkbaren Falles, irgendwie dafür sorgen, dass zumindest so etwas Ähnliches, wie eine Regierung weiterexistieren konnte und ganz nebenbei, wo immer möglich, die Ordnung aufrecht erhalten. Was immer in so einem Katastrophenfall noch als Ordnung durchging.
Aber was noch wichtiger war, er wollte mich rekrutieren.
Auf mich würden zwei Jahre Ausbildung zukommen, danach würde ich ein normales ziviles Leben führen, immer wieder unterbrochen durch zweiwöchige Fortbildungen. Ich würde trainiert für einen Fall, der wahrscheinlich niemals eintritt, ein nettes Zusatzgehalt beziehen und ein bürgerliches Leben führen, vielleicht mit ein wenig staatlicher Unterstützung, was meine Jobsuche betraf.
Natürlich hatte ich genug Patriotismus und Abenteuer in mir, um zuzusagen.
Die Ausbildung war nicht gerade ein Zuckerschlecken. Ich wurde geistig wie körperlich an meine Grenzen gebracht, aber zu behaupten, ich hätte gar keinen Spaß dabei gehabt, wäre auch nicht wahr.
Nach zwei Jahren kehrte ich in ein fast langweiliges Leben zurück.
Man hatte mir den Weg für eine Dozentenstelle am Long Island College geebnet, wo ich jungen Studenten die Grundlagen der Physik und die Philosophie der Ethik näherbrachte.
Ich hatte diverse On-Off-Beziehungen, nichts Ernstes. Zwar legte man uns Agents nahe, keine festen Bindungen einzugehen, aber verboten war es nicht. Die engste Beziehung hatte ich zu Diago, einem Straßenköter, der mir eines Tages nach Hause gefolgt war, und dem ich nachts und bei üblem Wetter ein Dach und etwas Futter gab. Es lag einfach an meiner unsteten Art. Doch mir ging es gut, das Leben war beinahe fünf Jahre ziemlich gut zu mir.

Dann kam der 31. November 2015, der schwarze Freitag, und wie wir heute wissen, Tag Null des Anschlags.
Eine Woche später herrschte bereits der Ausnahmezustand.
Nach zwei Wochen überschritt die Zahl der Toten bereits die 10000-Marke.
In der dritten Woche unterschieb der Präsident Direktive 51 und die erste Welle der Division wurde aktiviert. Noch glaubte ich, dass sich alles irgendwie in den Griff bekommen ließe.
Ich half meinen Nachbarn so gut es ging, Notvorräte hatte ich noch reichlich, immerhin war es Teil meiner Ausbildung, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Am 5. Januar 2016, einen Tag vor meinem Geburtstag, wusste ich, dass es kaum noch etwas gab, was irgendjemand in den Griff bekommen konnte.
Die Zahl der Toten, die Opfer der Dollar-Grippe weltweit, ging in die Zig-Millionen.
Dann erreichte mich der Einsatzbefehl.
Die erste Welle hatte versagt, ich gehörte zur Zweiten.
Ich verschenkte alles, was ich noch an Vorräten hatte, versuchte noch einmal meinen Vater in Maine zu erreichen, aber das öffentliche Mobilnetz war schon seit zwei Wochen bestenfalls sporadisch verfügbar.
Meinen Hund Diago hatte ich seit Tagen nicht mehr gesehen, die Leute jagten inzwischen Streuner, Hunde wie Katzen. Nicht nur einmal hatte ich mit meiner gekürzten 1892er das Haus vor unfreundlichen Besuchern beschützt. Ich riet meinen Nachbarn alles zu verrammeln und bis zum Frühling möglichst die Wohnung nicht zu verlassen. Entweder die Lage hatte sich bis dahin verbessert, oder wir waren sowieso alle im Arsch.
Ein Hubschrauber holte mich ab, an Bord, Louis, Faye und ein weiterer Agent, den ich nicht kannte und der sich auch nicht vorstellte. Mein Ziel war der Brückenkopf der Brooklyn-Bridge. Man hatte Manhattan abgeriegelt und ich sollte verhindern, dass Menschenschmuggler Infizierte herausschafften.
Auch wenn mich der Job jetzt schon ankotzte, Faye und Louis hatten wirklich die Arschkarte gezogen. Ihr Einsatzgebiet war die Hot-Zone, das Kerngebiet Manhattans, das Zentrum der Seuche.
Wir sprachen kaum ein paar Begrüßungsworte, reichten einander stumm die Hände, bevor man mich absetzte.

Am Morgen meines Geburtstages teilte mir das immer wieder ausfallende SHD-Netzwerk mit, dass man den Helikopter mit Faye und Louis an Bord, kurz vor der Landung abgeschossen hatte.

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