Rogue I -Schattenläufer?

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Tom
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Rogue I -Schattenläufer?

Post by Tom » 09 May 2019, 14:45

Vorwort

Wie bei jedem Gespräch, Dialog oder auch einer Geschichte, gehört es sich zunächst einmal, sich vorzustellen, also bitte sehr:
Mein Name ist Polter, also meistens, oft genug jedenfalls, dass ich ihn als meinen Namen auch verinnerlicht habe.
Sie haben vielleicht schon von mir gehört.
Nein? Kein Drama. Ich hatte schon viele Namen und war an vielen Orten. Zudem bin ich nicht wirklich ruhmsüchtig. Ein bisschen extrovertiert vielleicht, was man ja allein schon daran erkennt, dass ich meine Geschichte Ihnen, wildfremden Leuten erzähle.
Jedenfalls komme ich viel herum, teil freiwillig, oft eher zufällig, aber was ich alles schon erlebt und gesehen habe, würde ganze Bibliotheken füllen.
Doch, ehrlich!

Dabei ist es gar nicht so einfach zu erklären, wie es dazukam und immer wieder kommt, über das Warum will ich mir erst recht keine Gedanken machen.
Um mit dem Schocker gleich lozulegen: Ich kann nicht sterben.
Also ich kann schon, aber ich bleibe nicht tot.
Nein, nicht wie ein Zombie und ich erschrecke damit auch nicht meine Umgebung zu Tode …jaja, haha.
Es ist vielmehr so, dass wenn ich sterbe, ich woanders wieder aufwache. Als andere Daseinsform, in einer anderen Umgebung, teilweise in einer sehr, sehr anderen Umgebung!
Gerade noch war ich in einer Welt, in der der Abakus das Höchste der technologischen Entwicklung war, es jedoch durchaus normal ist, dass einem ein fliegender Teppich am helllichten Tag die Vorfahrt nimmt, als mich irgendetwas dort aus dem Leben scheiden lässt. Das kann vom Giftdolch eines Assassinen, über den strafenden Blitz eines zornigen Gottes bis hin zum Herzinfarkt, den ich vor Zorn über den mich schneidenden Teppichfluganfänger erleide, praktisch alles sein.
Dann erwache ich in einer neuen Welt. Ganz selten einmal entspricht sie wenigstens in etwa der Alten. Meistens muss ich mich neu einleben, neue Gebräuche und Sitten erlernen, und nicht selten bringt mich das schon recht schnell um und damit in die nächste Daseinsform.

Man könnte nun meinen, dass es das Leben bzw. das Ableben leichter macht, aber dem ist leider fast nie so. Es ist nun einmal das Wesen eines Lebewesen, dass es an seinem Leben hängt. Übermäßige Schmerzen, die vielen Toden oft vorangehen, werden nicht leichter, nur weil man weiß, dass sie nicht das Letzte sind, was man spürt.
Zuletzt hat man Freunde oder sogar Familie, die man zurücklässt, was in keinem Fall einfach ist, vertrauen Sie mir einfach!
Wenn Sie aber nun glauben, ich wäre einzigartig, dann irren Sie sich. Ich kenne noch eine Handvoll solcher Leute, Wesen oder sagen wir einfach Personen, wie mich. Immer wieder mal treffe ich auf einen und bin trotzdem immer wieder überrascht, wenn derjenige mir nicht nur meine Geschichte glaubt und mich nicht in eine Irrenanstalt einweisen lassen will, sondern zugibt, dass es ihm genauso ergeht. Manchmal tun wir uns dann sogar zusammen, weil es einfach schön ist, wenn es wenigstens einen Einzigen auf der ganzen Welt gibt, der einen nicht für plemmplemm hält.
Theorien, was und warum wir sind, wie wir sind, gibt es so viele, wie es von uns gibt. Mindestens.
Die einen glauben echt, wir wären Figuren aus einem erfundenen Spiel, die in leicht abgewandelter Form in anderen Spielen immer wieder auftauchen. Wir würden quasi einen Teil des Charakters des Spielers darstellen!
Irre, oder?
Andere gehen sogar noch weiter, glauben, dass die ganze Welt nur eine Computersimulation sind, und wir nicht einmal echte Personen in der Simulation, sondern nur Ideen solcher simulierten … Personen …, wie Romanfiguren, zum Beispiel.
Ja, ich weiß, total verrückt!
Ich für meinen Teil fühle mich total real. Ich atme, ich esse, ich schwitze und ich muss ab und zu hinter einen Busch, auf die Toilette und was immer gerade angesagt ist, um meine Stoffwechselendprodukte auszuscheiden.
Andere mögen das nicht so sehen, aber gerade das Schwitzen und Kacken sind für mich echte Beweise für Realität. Wer schon mal bei einer Darmgrippe mehrere Garnituren von Bettwäsche durchgeschwitzt hat, der weiß genau, was ich meine!
Ob ich eine eigene Theorie für meine Existenz habe?
Klar, habe ich die.
Darin kommen unsichtbare, rosa Einhörner, kleine tablettenähnliche, gelbe Wesen mit blauen Latzhosen, eine magische Trillerpfeife und ein unglaublicher Scherzkeks vor. Oh, und ein Furzkissen!
Sie sehen also, meine Theorie ist genauso durchdacht wie alle anderen auch und, wenigstens für mich, genau so plausibel.
Tja, das war‘s soweit mit den einleitenden Worten. Sehen wir doch jetzt mal, wohin es mich in diesem Leben hin verschlagen hat.
P.

Tom
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Re: Rogue I -Schattenläufer?

Post by Tom » 09 May 2019, 14:55

Kapitel I

Tatsächlich bin ich schon weit, weit schlimmer erwacht, als dieses Mal.
Im Arm eine wundervoll duftende, angenehm weiche, sehr weibliche Dame, genieße ich es, wie sie ihr Kinn an meiner Brust reibt.
Sie schläft noch, wenigstens tut sie so und ich lasse sie in dem Glauben, dass ich nicht an ihrem Herzschlag spüre, dass sie bereits wach ist, mich unter ihren langen Wimpern genauso unauffällig betrachtet wie ich sie bewundere, allerdings so offensichtlich, dass es schon etwas creepy wirken könnte.
Ganz kurz zucken mir die Erinnerungen an die Momente davor durch den Geist. Ich unterdrücke mühsam ein Schaudern und bin dankbar wie selten, dass es so schnell zu Ende gegangen war. Manchmal bringt der Tod eben doch bessere Lebensumstände!
Während ich ihr wundervoll fülliges blauschwarzes Haar aus ihrer Stirn streiche, fallen mir ihre mandelförmigen Augen auf, der dunkle aber nicht dunkelhäutige Teint und vor allem ihre spitzen Ohren.

[Homo Sapiens Nobilis, Metamensch, umgangssprachlich Elf. Erstes Erscheinen der Metarasse 2011 im Zuge der ersten Goblinisierungswelle. Merkmale: schlanker Wuchs, spitze Ohren, lange Lebendauer]

Uff! Was bei allen Göttern?!
Vor meinem geistigen Auge war der Text halbtransparent erschienen, aber es schien mir weniger, als würde ich ihn lesen, als ihn irgendwie zu absorbieren.
Nicht, dass ich keine Elfen kennen würde, vielleicht nicht ganz genau diese hier, aber fürs Erste hoffe ich einfach, dass Elf irgendwie Elf ist.
Ich schüttle verwundert den Kopf, aber der Text verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Verblüfft frage ich mich selbst, wie ich zu diesen Infos komme.

[Enzyklika-Sys Alpha 0.712c, Prototyp. Information und Datenverwaltungseinheit. Hardcopy der Bibliothek of Alexandria. Headware. Hersteller: N/A. Seriennummer: N/A]

Diesmal zucke ich merklich zusammen, viel zu überraschend ist das gekommen und auch wenn es nicht direkt schmerzhaft ist, unangenehm ist doch, das Wissen quasi aus dem Nichts ins Gedächtnis gestanzt zu bekommen.
Offenbar muss ich aufpassen, was ich mir für Fragen stelle. Sonst habe ich am Ende noch einen Kopf voller Lesewissen, und ich bin ein absoluter Fan von persönlichen Erfahrungen.
»Was ist los, Caro Mio?« Ihre Stimme ist einfach der Hammer! Genau die Tonart, die einem unter die Haut geht, das winzige Vibrato, welches so viel Sexappeal verströmt, dass man als Mann … nunja, ich bin ein Mann, aber sowas von!
»Du bist ja unersättlich«, tadelt sie mich lachend, aber so, wie sie über mich herfällt weiß sie ganz genau, was sie anrichtet.
Ich bin keiner, der viele Worte darüber verliert, aber nachdem wir uns zuerst im Bett, dann auf dem superweichen Teppich vor einem Kamin mit holographischem Feuer ausgetobt haben, geht nicht nur mir der Atem schwer.

[Erschöpfungsgrad: 12% geistig, 3% körperlich, Werte geschätzt aufgrund von Gewicht, Größe, körperlicher Aktivität und Essgewohnheiten.]

Ungläubig reise ich meine Augen auf, wische mir verzweifelt vor der Nase herum, damit der Text verschwindet, ebenso wie weitere Hinweise, wie ich meine verlorene Energie möglichst schnell wieder auffrischen kann.
Also das Ding da, diese Enzyklika-Sys …

[Enzyklika-Sys 0.712c, Prototyp. Information und Datenverwaltungseinheit. Hardcopy der Bibliothek of Alexandria. Headware. …]

»Scheiße, kannst Du das mal lassen?«, fauche ich ungehalten, ernte einen betroffenen, fast verletzten Blick meiner Sexpartnerin, die gerade ihren Fuß lang ausstreckt und in meiner Leistengegend müde Muskeln wieder auffrischen will.
»Äh, sorry. Nein, nicht Du.« Ich klopfe mir mit dem Handballen gegen die Schläfe. Meine … äh … Hardware … mischt sich dauernd ein?«

[Headware. Augmentierungen im Kopf, speziell im Gehirn, veraltete Bezeichnung: Brainware. Meist repetitive Aufgaben, Headware Memory und Wissenssoftverbindung, Cyberaugen, Cyberoh…]

»Ja, ja, ist ja gut! Nicht hilfreich, nicht HILFREICH!«
Mit einem Blick der töten könnte, erhebt sie sich und das sage ich bewusst. Sie steht nicht einfach auf, sie erhebt sich königlich mit blitzenden saphirblauen Augen.
»Nein, bitte, das war doch gar nicht …«, stammle ich ihr hinterher, während sie im Schlafzimmer verschwindet. Mir wird gerade klar, dass ich eigentlich nicht in ihrer Liga spiele. Vielleicht wenn ein russischer Oligarch oder ein arabischer Ölmulti 1-2 Milliarden in mein Team steckt, aber so stellt sich mir die Frage: Was will diese Frau denn von einem Kerl wie mir?
Ich sehe an mir hinab und zugeben, ich habe schon schlechter ausgesehen. Aber ich war noch nie der Typ, der für Calvin Douglas oder Bruno Basmati, oder wie auch immer diese Labels heißen, als Model hätte dienen können. Auch diesmal sehe ich eher wie ein normaler Mensch aus, als nach einem Modellathleten.

[Homo sapiens sapiens, gemeinhin als Menschen bezeichnete Art des …]

»SEI ENDLICH STILL!«

Ruhe.
Verblüffung.
Alarm!

Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass ich in meinen Leben stets der vorbildliche, brave Mann war, ein aufrechter Kämpfer für Recht und Ordnung, der seine Haut für Andere und das Wohl der Gemeinschaft mit Freude zu Markte getragen hat.
Die ernüchternde Wahrheit ist jedoch, egal wie sehr ich es versuche, am Ende bin ich doch das Schlitzohr, der Strolch, der Streuner, ein Gauner, vielleicht sogar ein Dieb oder Schmuggler. Kürzer gesagt, ich bin vermutlich im Tiefsten Innern, und werde es immer bleiben, ein Schurke.
Vielleicht nicht so bösartig, wie man es erwartet, nicht ganz so skrupellos und ganz sicher würden diejenigen, denen ich wirklich erlaube mich zu kennen, mich nicht als schlechten Menschen bezeichnen.
Aber der Schurke, der ich nun mal bin, rechnet irgendwie immer damit, dass man ihn aufs Kreuz legt. Nicht, weil ich das selbst immer so mache, sondern weil ich die Natur des Menschen vielleicht einen Tick besser verstehe, als viele Andere. Fühle dich zu sicher und Zack, gibt dir das Schicksal eine schallende Ohrfeige.
Daher frage ich mich gar nicht lange, wie die Schönheit sich so schnell anziehen konnte. Ja ich weiß, es klingt machohaft, aber die wenigsten Frauen, mit denen ich etwas hatte, konnten Dinge sehr schnell tun, die etwas mit ihrem Aussehen zu tun hatten. Erfahrungswerte.
Ich frage mich auch nicht, warum sich von ihrer rechten Faust eine Flammenkugel löst, die rasant auf mich zuhält und sich dabei aufbläht wie ein Stern vor der Supernova.
Und ganz sicher wundere ich mich nicht, warum nach der folgenden Explosion das ganze Zimmer an allen Ecken brennt.
Vielmehr schaue ich hinter meiner Deckung hervor, einem schweren Eichenschrank, den ich irgendwie in einer halben Sekunde von der Wand weg gewuchtet habe und hinter dem ich in der nächsten halben Sekunde der Hitzewelle leidlich entgangen bin.
Worüber ich aber ganze Bauklötze staunen würde, hätte ich das Talent dafür, ist wie langsam auf einmal die Zeit für mich abläuft. Es ist, als könnte ich die einzelnen Stadien der Gefühlswelt in den Augen meiner Angreiferin als Standbilder ablesen.
Zorn. Verblüffung. Erkenntnis. Sorge.
Und Grund zur Sorge hat sie auch. Woher, weiß ich selbst nicht so genau, aber hinter dem Schrank habe ich offenbar mit Klebeband eine Waffe versteckt, die wie die Urmutter aller schweren Handfeuerwaffen aussieht.
Für einen Moment zögere ich, weil ich fest mit einem eingeblendeten Text über Art und Herkunft der fetten Wumme rechne, aber da kommt nichts.
»Na super, wenn man mal was wissen will …«, motze ich leise und hebe die Knarre.

[Smartlink aktiv. 32/32 Magazin, APDS. 1/1 Kammer, Gel.]

Mit offenem Mund sehe ich einen sich schnell verengenden Zielkreis vor meinem Auge und ich weiß es einfach, dass meine abgefeuerte Kugel ganz exakt dort einschlagen würde.
Gel? APDS?
[Gelmunition, kurz Gelmuni oder Gel. Zerplatzt beim Aufprall mit dem Ziel, maximale Betäubungswirkung durch den Einschlag zu bewirken. Haupteinsatz: Aufstandsbekämpfung. Herstellerfirmen: Ares Ameri …]
Jaja, schon gut, das Nächste?
[APDS-Munition. Armor-piercing discarding sabot. Militärisch, panzerbrechend. Haupteinsatz: Durchschlagen von mittlerer und schwerer Körperpanzerung. Hersteller: …]

Oha, ein Warnschuss und 32 Cop-Killer? Nett! Klingt tatsächlich ganz nach mir. Leute mit Vorsatz umzulegen ist nicht mein Stil, aber mich umlegen zu lassen, eben auch nicht.
Ich ziele mitten auf ihre Stirn, lenke dann den Zielkreis ein wenig zur Seite und das Gelgeschoss schlägt einen knappen Millimeter neben der Spitze ihres linken Ohrs in die Wand. Mir bleibt in meiner Zeitlupenwahrnehmung mehr als genug Zeit, die Waffe wieder auf ihre Stirn auszurichten.
»Wollen wir das wirklich?«
Meine Frage bringt sie fast noch mehr aus der Fassung, als meine supermanartigen Reflexe.
Wie komme ich eigentlich dazu?

[BioJack Flash II 0.872b, Prototyp, Bodyware, minimalinvasiver Reflex und Reaktionsbeschleuniger. Hersteller: N/A]

Gut, das war die Antwort auf die eine Frage, bleibt noch ihre ausstehend.
Mir ist wohl klar, dass ich den nächsten Feuerball vermutlich nicht so einfach abducken kann, wenngleich ich irgendwie ahne, dass ich selbst dann keine ganz schlechten Karten habe. Nahezu allen meinen in Frage kommenden Leben ist eine gewisse Hartnäckigkeit gegenüber Magie und/oder eine kleine magische Randbegabung gemeinsam. Es ist selten wirkliche Magie, wie sie Klein-Frodo von Dr. Strange erwarten würde, eher Tricks und Kniffe, die das Leben erleichtern und andere eher verblüffen, als ihnen das Leben aus dem Leib zaubern.
Sie starrt mich eine volle Minute lang an.

[Running Clock Time: 52s]

Ist ja schon gut, ein paar Sekunden weniger!
Dann entspannt sie ihre Schultern und lässt die Hände sinken.
»Für einen durchgeknallten hochverdrahteten-Psychopathen bist Du verdammt viel zu cool.«

[Verdrahtet, adj. Synonym für vercybert]
Hätte ich nun wirklich auch so gewusst!
Ich hebe meine Schultern und senke die Waffe.

[Ares Predator V. Auch: Predator V. Halbautomatisch. Schwere Pistole. Smartgunsystem. 32 Magazin Standard. Hersteller: Ares Macrotechnology]
…!
[Ares Macrotechnology, früher: Ares Industries. Marktführer in Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie. AAA-Konzern. CO: Damian Knight]

»Ok, vielleicht sollte ich zuerst einmal etwas loswerden.«
Die umwerfende Frau hebt eine der verdammt dünnen, verdammt langen und verdammt elfischen Augenbrauen fragend an.
Ich räuspere mich etwas verlegen. »Ich weiß weder wer du bist, noch wer genau ich bin, noch wie ich hierherkam.«

Tom
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Re: Rogue I -Schattenläufer?

Post by Tom » 14 May 2019, 14:29

Kapitel II

»Und Du hast wirklich keine Idee, wer Du bist? Echt?«
Ich hebe die Schultern. Meine Zeitwahrnehmung normalisiert sich wieder, als würde ein Zug ganz langsam anfahren.
Abgefahren! Das erinnert mich an diese Bullet-Time-Technik aus manchen Spielen. Doch sie wartet auf meine Antwort und da wir die Zeit gerade vermutlich wieder Synchron erleben, wird es auch Zeit dafür.
»Echt. Das ist aber eine lange Geschichte, oder ziemlich kurz, ganz wie man es sieht.«
»Ich dachte, es liegt an deiner Headware. Man hat mir gesagt, das Zeug wäre zum Großteil absolutes Evo-Tech-Novum und einfach noch zu fehlerhaft.«
[Evo Corporation, ehemals Yamatetsu Corporation. Führend im Bereich Biomodifikationstechnologie. Metamenschenfreundlich. AAA-Konzern. CO: Anatoly Kirilenko]
Aha. Und wie hilft mir das jetzt weiter? Wie, darauf kein Lexikoneintrag zur Hand? Typisch!

Gerade will ich noch mehr Ahnungslosigkeit äußern, als meine Reflexe anspringen und ich einen Satz durchs halbe Zimmer mache, meine Gesprächspartnerin schnappe und sie durch den Türrahmen ins Schlafzimmer stoße.
Sie grinst halb empört, halb ungläubig, als sie wieder auf dem Bett landet, rollt sich aber sofort herunter, als sie sieht, dass ich neben der Tür in Deckung gehe, die Ares-Knarre auf etwas im Anschlag, was aus dem Nichts im Raum auftaucht. Irgendetwas in mir hatte gewusst, dass etwas kommt und die Prozessoren der hochgepowerten Reflexe hatten dann einfach übernommen, bevor ich überhaupt einen weiteren Gedanken darauf verwenden konnte.
In der Mitte des Raumes, wo das Feuer immer mehr um sich greift, steht nun ein Mann in einer Paradeuniform oder Livree und schaut neutral um sich.
»Verehrte Gäste. Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass es in Ihren Räumen zu einem akuten Brandnotfall gekommen ist. Bewahren sie Ruhe und folgen Sie mir, ich geleite sie sicher auf den Fluchtwegen aus der Gefahrenzone.«
Daraufhin beginnt die Frau, die gerade noch vorsichtig an mir vorbeigeschaut hat, lauthals an zu lachen.
Ich kann vor Verblüffung meinen Finger gerade noch davon abhalten auf den schicken Knaben mein halbes Magazin zu entleeren, als mir klar wird, dass er irgendwo recht hat. Es brennt inzwischen im ganzen Raum und noch schlimmer ist der Qualm. Aber was ist mit mir los? Immer noch nackt, sofern man eine Handfeuerwaffe nicht als Kleidungsstück ansieht in einem brennenden Raum stehend, und ich bin cool genug einfach zu quatschen?
Das Feuer lässt mich ziemlich kalt, aber das Auftauchen eines Hotelangestellten versetzt mich in Flight or Fight-Stimmung? Obwohl, nach Flucht ist mir echt nicht. Egal!
Was auch immer diese kybernetischen Einbauten mir an Vorteile bringen, sie machen auch etwas mit meiner Art zu handeln und die Welt zu sehen. Nebenwirkungen?
[Essenz auch Seele, Lebensfunke, Chi. Cyber- und Bioware, Substanzmissbrauch, schwere medizinische Eingriffe beeinflussen die Essenz negativ.]
Wow! Danke. Endlich mal eine echte Hilfe.
Glaube ich.

So schnell ich kann, und scheiße kann ich das schnell, wenn meine Reflexe so hochgefahren sind, schlüpfe ich in die herumliegenden Klamotten.
Eine Hose, ein Hemd mit dem fetten Logo der Atlanta Falcons – wenigstens manche Dinge sind mir bekannt! – und ein knöchellanger Kunstledermantel, der irgendwie schwer und trotz der warmen Jahreszeit gut gefüttert wirkt.
[Duster. Langmantel aus Kunstleder. Bei Angehörigen von Gangs und in den Schatten beliebt, häufig ballistisch gefüttert und/oder zusätzlich gepanzert]
Interessant.

Das erklärt auch die kurze Weste, in der ich gerade den Halfter für die Ares Predator entdecke, nebst Reservemunition und noch ein paar Kleinigkeiten, die ich mir aber lieber später anschaue.

[Tarnhalfter. Oft in unauffällige Kleidungsstücke integrierte …]
Ja doch, ich bin ja nicht doof!

Ein Hut komplettiert meine Ausstattung, aber den behalte ich abwartend in der Hand, denn meine Partnerin hat endlich ihren Lachkrampf in den Griff bekommen.
»Ein Hologramm, Mann, Patrick, das ist nur ein Notfallhologramm.«
Ich schnaube: »Ihr habt ja Sachen hier …«
Sie schenkt mir einen seltsamen Blick, packt dann meine Hand, als ob ich ein Kind wäre und zieht mich zum Fenster. »Zeit von hier zu verschwinden.«
Mir liegt noch eine vermutlich total dumme Frage auf den Lippen, als ich auf das raumhohe vierfach mit einem komischen Plastik verglaste Fenster sehe und vor allem mir klar wird, dass wir mindestens im zehnten Stockwerk sein müssen.

[Duratransplast. Bruchfester lichtdurchlässiger Verbundstoff. Kommt hauptsächlich bei …]
»... Fenstern vor?«, unterbreche ich Enzy in Gedanken und tatsächlich, das Infofenster verschwindet sofort.

Gerade will ich die Zauberin darauf hinweisen, dass das Zeug bruchfest ist, doch dann legt sie die andere Hand auf das Glas und schließt kurz die Augen, worauf das ganze Fenster wie von einer Explosion nach draußen gerissen wird, in tausend Splitter zerfällt und in der Tiefe verschwindet.
Ahja, bruchfest, wie?

Nun sind ganz deutlich sich nähernde Sirenen zu hören.
Wie als Erklärung höre ich aus dem Nebenzimmer das Hologramm plappern:
»Das Atlanta Fire-Department ist auf dem Weg, ebenso wie Einheiten von LoneStar Securities.«

[Lone Star Security Services (LSSS) , auch Lone Star oder Star. Größter und prominentester Polizei- und Sicherheitsdienstleister Nordamerikas. AA-Konzern. Hauptsitz: Austin, Texas, CAS. CO: Gerald T. Hampton]

»Ah, die Cops. Ich verstehe. Könnte schwer werden ihnen zu erklären, warum Du mich abfackeln wolltest!« Ich nicke verstehend, aber sie schüttelt entschieden den Kopf.
»Sorry, Pat, ich wollte es Dir schonend beibringen, aber es ist nicht wegen mir. Du wirst gesucht und zwar mit einem wirklich fetten Kopfgeld. Und so viel verdienen die Cops vom Star auch nicht, dass da nicht wenigstens einer zugreifen würde.«
Nun vollends verwirrt sehe ich, wie sie Anlauf nimmt, meine Hand noch fester ergreift und hinausspringen will.
»Halt, warte mal.« Sogar diese Cyberware, die offenbar ein Teil meiner Seele gekostet hat und damit vielleicht auch einen Teil meines gesunden Menschenverstandes gefressen, bringt mich nicht dazu, mal eben aus dem zehnten Stock einer arschglatten Glasfassade zu springen.
Sie grinst schief. »Vertraust Du mir denn nicht?«
Nun ist es an mir sie seltsam anzuschauen. »Vor nicht einmal 3 Minuten, wolltest du mich umlegen? Und das, nachdem wir fabelhaften Sex hatten!«

[Running Clock Time: 3m24s]
…!

»Ja, aber da war ich wütend. Ich wusste ja nicht, dass du mit deiner halbfertigen Headware redest und keine Ahnung von gar nichts hast. Außerdem hätte ich Dich längst umbringen können, wenn ich es gewollt hätte.«
Sie wirkt so selbstsicher bei der Aussage, dass ich fast ein bisschen in meiner eigenen Selbstsicherheit wanke, aber nur fast. In einem aber hat sie vollkommen recht. Ich habe echt viel zu wenig Ahnung, was hier läuft. Scheiß drauf, sollte ich gleich umkommen, weil ich einem verteufelt heißen Weibsbild aus dem Fenster hinterher gesprungen bin, dann ist das sogar bei Weitem nicht die dämlichste Aktion, bei der ich je draufgegangen bin.«
Während wir springen höre ich noch das Hologramm reden.
»Wie wir aus ihren Check-In-Daten ersehen, besitzen sie einen Doc-Wagon Platinvertrag. Doc Wagon wurde von einer möglichen Verletzung Ihrer Person in Kenntnis gesetzt.«

[Doc Wagon. Kerngeschäft: Medizinische Dienstleistung und Rettungsdienste. Franchise-Kette. AA-Konzern. Hauptsitz: Atlanta, Georgia (CAS) . CO: Anderson Gentry]
[DocWagon Vertragsliste: Basis (5000NY/J), Gold (25000NY/J), Platin (50000NY/J), Super-Platin (100000NY/J)]
Toll, dann kann ja fast nichts schiefgehen, oder?

Der erwartete tiefe Fall bleibt aus, stattdessen fühle ich mich von einem nahezu durchsichtigen Wesen aufgefangen. Die Magierin neben mir scheint ebenso sicher gehalten zu werden, auch wenn ich das nur daran festmache, dass sie mir nicht den Arm auskugelt, weil sie ruckartig nach unten gezogen wird.
Wir werden durch die Luft getragen und ich vergesse wegen des Anblicks, der sich mir bietet sogar, dass ich gerade fliege.
Das ist also Atlanta in dieser Welt!
Ich war schon mehrfach in einem Atlanta, einmal zu den olympischen Spielen als Teilnehmer – lange Geschichte – und einmal als Coach einer anderen Footballmannschaft. Aber wenn es nicht das Hologramm gesagt hätte, ich hätte es im Leben nicht wiedererkannt.
Turmhohe Gebäudekomplexe stechen aus dem Stadtbild heraus, wie hochtechnologisierte Burgen, dazwischen niedrige Blocks und Gegenden die dagegen armselig wirken, es vermutlich auch sind. Ein paar mehrspurige Highways verlaufen wie Adern durch diese Stadt die vor lauter Bewegung, bunten Lichtern und einer irren Geräuschkulisse ein einziger lebendiger, rötlich schimmernder Organismus zu sein scheint.
Wir steigen höher und höher, entfliehen schließlich der Dunstglocke, welche der Stadt ihre Rottönung verleiht. In den niedrigen Wolken um uns herum, tauchen bewegte Bilder auf, gewaltige Holografische Werbeplakate, die mit lautlos sprechenden Köpfen werben, die ein Vielfaches größer sind als die der Präsidenten von Mount Rushmore.
»Du fliegst nicht das erste Mal mit einer Luft-Elementar-Airline, stimmt's?«
Ihre Stimme klingt hier oben anders, irgendwie weniger hart.
Ich grinse und nicke.
»Tatsächlich war ich schon einmal der stolze Besitzer eines fliegenden Teppichs.«
Sie schaut mich eine halbe Minute …

[Time Running Clo …]
Wehe!

… also ein paar Momente schweigend an, ich fühle wie irgendetwas in meinen Kopf juckt und dann schaue ich ihr direkt in die Augen. Die sind irgendwo ins Unendliche gerichtet und mir kommt da ein Verdacht.
»Sag mal, liest du gerade meine Gedanken oder so etwas?«
Ihr Blick kehrt zurück zu mir und sie lächelt ertappt, aber nicht schuldbewusst.
»Ich askenne gerade und daher weiß ich, auch wenn Du ziemlich verwirrt daherredest, lügst Du mich nicht an.

[Askennen. "Lesen" von Informationen aus astralen Strukturen, wie Auren, Formen oder Signaturen. Voraussetzung: Astralwahrnehmung]
Aha.

»Deine Body-Ware ist echt erstaunlich. Als wir miteinander geschlafen haben, habe ich nichts davon ertasten können und ich habe noch nie jemand erlebt, der so sanft aus dem Boost-Stadium gleitet. Obwohl ich viel Übung habe, bin ich mir nicht sicher, wo deine Teile technisch und wo biologisch sind. Aber natürlich ist deine Aura ohnehin unheimlich schwer zu entziffern.«
»Wenn Du das sagst.«
Sie lächelt und wir landen schließlich in einem ganz anderen Stadtteil auf einem Gebäude, was gerade hoch genug ist, dass wir noch nicht in der rötlichen Dunsthaube stehen.
Obwohl sie es versucht zu überspielen, wirkt sie etwas angeknackst. Das Zaubergedöns scheint seinen Preis zu haben.
Für einen Moment versucht, sie an mich zu ziehen, entschließe ich mich doch dagegen. Ihre schwarze Montur, der vermutlich topmodisch geschnittene Mantel mit den kaum sichtbaren goldenen Runen, ihre Kevlarweste und die schweren kniehohen Stiefel mit Stahlspitze und Stahlabsatz signalisieren ja geradezu, was einem blüht, wenn man ihr zu nahe kommt.
Daher gebe ich vor, auch etwas Ruhe zu brauchen und setze mich an dem Rand einer kleinen Mauer, die uns zumindest etwas Wind und Sichtschutz bietet, mit einem kleinen Ächzen auf den Boden.
»Schon müde?« Sie lächelt ein wenig spöttisch, setzt sich aber dann neben mich.
Sie registriert wahrscheinlich gar nicht, dass sie sich dabei auch an mich anlehnt. Ich sehr wohl. Und weil ich offenbar einen Supercomputer im Kopf habe, bin ich ausnahmsweise schlau genug, so zu tun, als bemerke ich es nicht.

»Kann das jeder Magier? Ich meine, er schaut dich an und weiß was für Zeug du in dir drin hast?«
Sie schüttelt den Kopf ein wenig und bemerkt dann wohl, dass sie ihn an meiner Schulter angelehnt hatte. Ein misstrauischer Blick schießt in Richtung meiner Augen, aber die habe ich in weißer Voraussicht scheinbar geschlossen und ich täusche selbst Erschöpfung vor.
Zufrieden lehnt sie sich wieder zurück, wenngleich nicht mehr ganz so sehr an mich, was ich still bedaure.
»Mit viel Übung und Zeit, vielleicht. Aber ich bin ein Spezialist.«
»Im Aura-Lesen?«, frage ich zweifelnd, besonders wenn ich an den heftigen Feuerball denke.
Sie lacht leise: »Dummerchen, ich bin eine Hitmage der Extraklasse. Natürlich muss ich wissen, was mein Ziel kann, bevor ich mich ihm offenbare. Weiß mein Ziel erst einmal, dass ich hinter ihm her bin, wird es sehr schwer.«

[Hitmage. Auftragskiller, der Magie verwendet]
Hab ich mir fast gedacht, aber danke.

»Na, ich weiß ja nicht. Flieg einfach drüber und wirf einen Feuerball ab? Damit rechnet keiner.«
»Bei den ganz normalen Zielen, hast Du vollkommen recht. Aber ich schnappe mir die wirklich Gefährlichen, die Psychos, die Blutmagier, die MMVV-Monster. Zudem muss ich sicher sein, dass sie den Tod auch verdienen.«

[Menschlich-Metamenschliche Vampirisches Virus (MMVV) auch Human-Metahuman Vampiric Virus (HMHVV). In verschiedenen Varianten auftretender Erreger. MMVV-Infektionen führen zu einer Verwandlung, die sich je nach infizierendem Virus-Stamm und Artzugehörigkeit des infizierten Wesens unterscheidet. Siehe auch Ghul, Vampir …]
Oh?
[Blutmagier. Erwachte, die Blutmagie praktizieren. Erfordert die Opferung von Essenz, i.d.R. von intelligenten Wesen]

Diesmal brauche ich ein paar Augenblicke um die ganzen Informationen zu verarbeiten.
»Du bist also eine Art Monsterjäger?«
Sie lächelt und es ist als ob in ihrem Gesicht eine kleine Sonne aufginge. Fast körperlich fühle ich ihre Erleichterung und mir wird erst jetzt klar, dass sie vor meiner Reaktion wohl ziemlich Angst hatte. Klar, die Meisten reagieren wohl eher zurückhaltend, wenn sich ihnen jemand als Berufskiller offenbart.
»So könnte man es ausdrücken. Man nennt mich Pandora.«
Sie schaut mich an, als ob ich wenigstens jetzt zusammenzucken müsste, aber ich hebe nur ganz leicht die Schulter, an der sie nicht lehnt.
»Eltern können manchmal ziemliche Ärsche sein, wenn sie ihren Kindern Namen geben.«
Sie schaut mich genau sieben Sekunden an, als würde aus dem Nichts ein Zug auf sie zurasen.

[Running Clock Time: 7s]
Hehe, Erster!

Dann lacht sie erneut schallend. »Pat, Pandora ist mein Straßenname. Du solltest Dir auch schnell einen zulegen.«

[Straßenname. Spitzname unter dem Shadowrunner in den Schatten bekannt sind.]
Wäre ich nie von selbst drauf gekommen ...

Ich seufze: »Warum nennst du mich eigentlich immer Pat?«
Ohne mich zu fragen, greift sie in meine Manteltasche und fördert eine Handvoll Kram hervor. Ich frage mich ohnehin schon die ganze Zeit, was ich da alles mit mir herumschleppe. Sie sucht kurz und hält mir schließlich eine Plastikkarte mit einem eingebauten Druckknopf hin. Ich lese:
Doc-Wagon. Armed Medical Assistance. 24/7. Pandau, Patrick.
Die Platinfärbung der Karte erklärt mir so einiges.
»Ich glaube nicht, dass ich wirklich so heiße.«
Sie stößt mich spielerisch in die Seite. »Natürlich nicht, Du Spezialist. Es wird eine Tarnidentität sein, mit einer Fake-Sin.«

[Systemidentifikationsnummer (SIN), Staats- oder Konzernbürger zugeordnete Nummer in einem zentralen Register.]
Achso, ein Ausweis.

»Ich nehme an, du hast aber auch einen echten Namen?«
Sie schaut mir wieder tief in die Augen, als versuche sie darin eine Antwort auf ihre ungestellten Fragen zu finden.
»Jess. Jessica.« Ihre Antwort ist leise und sie scheint von sich selbst überrascht davon.
»Aber Pandora ist mir lieber.«
Ich lächle und halte ihr die Hand hin: »Freut mich, Pandora. Ich bin Polter.«
Sie schaut verblüfft auf meine Hand und schüttelt sie dann grinsend.
»Polter? Manche Eltern sind wirklich grausam zu ihren Kindern, stimmt!«

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