82. Space-Marine-Corps

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Tom
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82. Space-Marine-Corps

Post by Tom » 29 Aug 2019, 04:20

Kapitel 1

»Du hältst Dich für ganz besonders hart, wie?«
Der Major, der mit seiner Nase beinahe meine eigene berührte, schrie mir nicht nur direkt ins Gesicht, er verteilte auch die Hälfte seines Speichels darin.
»Nunja, Sir …«, ich wollte die Schultern heben, als er mich noch lauter anbrüllte.
»Stillgestanden, Marine! Habe ich Dir erlaubt Dich zu rühren oder Dein schändliches Maul aufzumachen?«
Reflexartig nahm ich wieder Haltung an, streckte mein Kinn nach vorne und fixierte einen Punkt einen Click hinter dem Trooper-Major. Wenn ein Marine etwas kann, dann durch jemand hindurchstarren. Natürlich hielt ich diesmal meine Klappe, ich hatte schon genug Schwierigkeiten.
»Wenn ich etwas frage, erwarte ich eine Antwort, Du Schlammspringer!«
Bis hierhin war es noch Routine und ich hatte persönlich nichts gegen den Trooper-Major. Gut, Troopers und Marines hatten schon immer gewisse Rivalitäten, das war gute alte Tradition.
Die Troopers hatten diese schicken Null-G-Mechapanzerungen, hochmobile Gefechts-Panzer, Plasma-Blaster und den ganzen Kram, zudem stellten sie den Großteil der Bodentruppen der Space-Union. Wenn es darum ging, eine Bodenoffensive oder eine Orbitalstationsübernahme durchzuführen, waren sie das Mittel der Wahl, genauso wenn es um die Sicherung der Stützpunkte der Raumflotte ging. Je nach Flottenverband waren ständig zwanzig bis vierzigtausend Troopers im Einsatz. Wenn es irgendwo ein Werbeposter für den perfekten Vorzeigesoldaten gab, dann steckte der mit Sicherheit in der weißblauen Trooperuniform oder sogar in einer strahlenden, silberweißen Gefechtspanzerung der Union.
Wir Marines hingegen waren eher eine kleine Truppe. Auf zwanzig Troopers kam ein Marine, bestenfalls. Unsre Ausrüstung war nicht halb so schick, unsre Reputation nicht annähernd so glorreich und falls wir für eine Mission mal einen echten Feldarzt brauchten, mussten wir ihn uns sogar von einer der anderen Streitkräfte-Abteilungen ausleihen. Dafür war unsre Ausbildung aber auch zweimal so lange, die Todesrate im Einsatz viermal höher und die Chance rein durch Dienstalter befördert zu werden gleich Null. Zudem galt seit Kriegsbeginn die Order 11078/4, so dass bei bestimmten Qualifikationen bis zu zehn Jahre Haftstrafe in Dienstjahre bei dem Space-Marine-Corps umgewandelt werden konnten.
Das könnte vermutlich erklären, warum ein ganz bestimmter Menschenschlag bei den Marines die Mehrheit stellte. Es erklärte jedenfalls ziemlich genau, warum ich noch zwei Jahre vor mir hatte.
Schlammspringer war zwar wirklich keine Beleidigung, die mir irgendwie nahe ging, aber natürlich durfte ich um der Ehre des Corps Willen das nicht so einfach auf mir sitzen lassen.
»Sir, nein Sir. Nicht besonders hart. Ich halte mich eher für einen Denker!«
Der Major erstarrte. Ich sah, wie es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann.
Der Grund, warum ich hier mitten im Hof der Space-Trooper-Offiziers-Akademie stand, war, dass ich am Vorabend vier Offiziersanwärter ganz ordentlich verprügelt hatte, weil sie mich bei einer Runde Star-Stoud-Poker tatsächlich beschuldigt hatten, ich würde falsch spielen. Nur weil ich sie ziemlich ausgenommen hatte. Was für schlechte Verlierer.
Aber natürlich hatten sie Recht, ich hatte sie beschissen, aber diese Grünschnäbel hatten keine Beweise. Dazu war ich zu gut und die Milchbärte einfach zu besoffen. Daher hatte ich das nicht auf mir sitzen lassen können. Ein Wort gab das Andere und schon ging es zur Sache.
Diese Jungspunde dachten mit ihren lächerlichen Tekioma-Kenntnissen könnten sie mir eine Abreibung verpassen. Diese neumodische Kampftechnik mochte bei Null-G ganz brauchbar sein, oder wenn man in einem schicken Mechapanzer mit Kraft und Geschwindigkeitsverstärkern steckte, aber bei einer Prügelei Mann gegen Marine war es eher Mikado als Kung-Fu.
Endlich hatte sogar der Major kapiert, dass ich seine vier Anwärter gerade als ganz besondere Weicheier dargestellt hatte, wenn ich mich selbst nicht mal als harten Hund bezeichnete.
Seine Augen verengten sich und wo bisher nur Wut zu sehen war, schlug mir nun unverhohlener Hass entgegen. Keine Ahnung warum, aber das passiert mir immer wieder.
»Du denkst, Du kannst junge Troopers zusammenschlagen. Bei Veteranen hast Du diesen Mut wohl nicht?«
Was sollte ich nur darauf sagen? Also schwieg ich in der Hoffnung der Major hätte sich bald müde gebrüllt oder würde dem Schlaganfall erliegen, den seine ungesund rote Gesichtsfarbe ankündigte. Ich wettete stumm auf das Letztere.
»Antworte mir, Du Marine-Abschaum!«
Ich seufzte und fixierte den Major mit einem Blick. Mir wurde da erst klar, wie jung der Mann war. Vielleicht Mitte Dreißig, verdammt jung für einen Major, selbst bei den Troopers, wo Beförderungen recht schnell erfolgten.
»Sir, wenn Sie mir einen Veteranen besorgen, bin ich gerne bereit, den Gegenbeweis anzutreten.«
Irgendwie musste ich einen Nerv getroffen haben, als ich mich dabei suchend nach einem solchen Veteranen umsah.
Der Major schnappte nach Luft und irgendetwas in seinem Hirn musste ausgesetzt haben, denn was er nun tat, war nicht nur gegen jede Vorschrift sondern einfach dumm.
»Ich werde Dir jetzt eine Lektion erteilen, Dir und allen Anwesenden! Kein Marine ist auch nur halb so hart, wie ein gut ausgebildeter Trooper.«
Ich runzelte die Stirn und die beiden Militärpolizisten, die mich aus meinem Kater-Koma herausgezerrt und vor den Major geschleift hatten, erwiderten meinen ungläubigen Blick als sich der Major einen Schritt von mir entfernte, sich vorbeugte und auf sein Kinn zeigte.
»Los, Gunny, Du einen Schlag, ich einen Schlag, bis einer am Boden liegt.«
Ich knurrte leise. Gunny war zwar die akzeptierte Abkürzung für Gunnery Sergeant, also genau mein Rang, aber dieser Spitzname war wohlwollenden direkten Vorgesetzten oder langjährigen Kameraden vorbehalten. Das ging genauso wenig, als wenn ich ihn Troopy genannt hätte.
»Sir, ich denke, das ist keine gute Idee.« Meine Antwort war leise, ich wollte dem Offizier noch eine Chance geben, sich zu fangen.
»Bist Du zu feige, Gunny? Nicht flüstern, sag es laut, Marine. Ich kann Dich nicht hören!«
Ich nahm den Sprühnebel seines Speichels so ungerührt hin, wie es eben ging.
»Sir, ich bin nicht feige, aber es ist einfach keine gute Idee.«
Er lachte verächtlich und deutete wieder auf sein Kinn. »Los, Gunny, schlag zu, so fest Du kannst. Los, Du Memme. Leg alles in den Schlag, was Du kannst.«
Wieder schaute ich zweifelnd auf die beiden MPs, die mich flankierten, doch die zuckten nur ergeben die Schultern.
Zugegeben, der Major sah wirklich durchtrainiert aus. Ich war sicher, er konnte locker bei allen Leistungstests mit Bestbewertungen hervorgehen. Ein normaler Fausthieb würde ihn vermutlich wirklich nicht lange auf die Bretter schicken, aber nur ein Idiot schlägt einem Anderen mit bloßer Faust ins Gesicht. Nicht nur, dass man sich dabei die Knöchel brechen kann, wenn man an den Zähnen hängenbleibt, könnte man sich auch üble Infektionen zuziehen.
»Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie das wollen, Sir?« Vorausschauend schob ich schon einmal beide Militärpolizisten von mir weg, um genug Platz zu haben.
»Ja doch, wie lange soll ich noch warten, Du Feigling. Schlag zu und dann komme ich dran!«
»Das bezweifle ich, Sir.«
Ich griff mir den Allzweckstab des MPs zu meiner Rechten, normale Soldaten bezeichneten ihn auch gemeinhin als Schlagstock, wirbelte einmal um meine Achse und traf den Major punktgenau dort, wo er es angezeigt hatte.
Es ist ein Gerücht, dass man neben des Brechens des Kiefers auch noch die Zähne splittern hört.
»Danke fürs Ausleihen.« Ich hielt dem bestürzten MP seinen Knüppel hin. Zum zusammenbrechenden Major sagte ich schlicht: »Ok, Major, nun Sie.«

Die beiden Betäubungsladungen aus den Blastern der Militärpolizisten bekam ich gar nicht mehr mit.

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Re: 82. Space-Marine-Corps

Post by Tom » 30 Aug 2019, 13:57

Kapitel II

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich zerschlagen. Das lag auch mit daran, dass ich auf wundersame Weise noch in der Nacht zuvor zu zahlreichen frischen Prellungen gekommen war, wie ich schmerzhaft bemerken musste, als ich mich mit hingebungsvollem Stöhnen aufrichtete.
Es war nicht das erste Mal, dass ich solche Prügel kassiert hatte und würde nicht das letzte Mal sein, aber in der Regel konnte ich mich sonst recht genau erinnern, wer mich so zugerichtet hatte.
Die vier Kadetten vom Pokerabend konnten es schon einmal nicht gewesen sein, die waren soweit mir bekannt immer noch auf Reha-Urlaub. Der Trooper-Major am Tag darauf wohl auch nicht, da müsste er schon ein Cyborg sein, sich so schnell zu erholen. Da kamen wohl ein paar ganz Mutige auf den Gedanken, dass man einem bewusstlosen Marine wesentlich leichter eine Lektion erteilen konnte, als einem Kerl, der – die Götter des Abyss bewahre – sich womöglich zur Wehr setzte. Kein Wunder, dass der Fraß gestern Abend noch schlechter geschmeckt hatte, als das Zeug, was einem im Trooper-Bau ohnehin schon als Essen verkauft wurde.

»Geht’s, Gunny? «
Erst da bemerkte ich die Frau, die auf der Pritsche gegenüber saß, die Beine angezogen und die Hände vor den Knien verschränkt. Sie trug die Arbeitsuniform der Union Space Marines, ganz wie ich, nur schien mir ihre Kleidung eine Spur hochwertiger zu sein, wenngleich ich nicht wusste, woran ich das festmachte. Keine Abzeichen, also eine Private Second Class, wofür sie aber eindeutig zu lässig und entspannt wirkte. Vermutlich also degradiert, vielleicht sogar schon zweimal. Interessant.
Für eine Marine sah sie verdammt hübsch aus, wobei ich damit nicht andeuten will, dass es keine gutaussehenden Frauen im Corps gab, überhaupt nicht. Es war nur vielmehr so, dass diese Ladies sonst maximal einen halben Kopf kleiner waren als ich und sich wohl eher dem Ideal einer Wikingerwalküre, als einer griechischen Pallas Athena annäherten.
Ihre eigenartig blauen Augen musterten mich besorgt und ich hatte wohl eine Weile gestarrt, bis ich abwinken konnte: »Schon gut, diese Hosenscheißer bekommen einen Marine nicht mal dann klein, wenn sie ihn bewusstlos in ihre Finger bekommen. «
Das klang natürlich rauer und härter, als ich mich fühlte. Wer immer mir diese Lektion hatte beibringen wollen, hatte nicht ganz so schlechte Arbeit geleistet, wie ich vorgab. Natürlich half es mir auch ein bisschen die schlimmsten Schmerzen auszublenden, um vor einer anderen Marine nicht wie ein Weichei dazustehen. Die Tatsache, dass sie mit jedem Augenblick hübscher aussah, hatte darauf selbstverständlich keinen Einfluss.
Ich sah nun auch, dass wir in der Zelle eines Transportshuttles saßen, das aber offenbar noch nicht abgehoben hatte. Hinter dem kaum sichtbaren Kraftfeld, welches uns geächtete Verbrecher vom geachteten Rest der Welt trennte, sah ich einen Mann am Schreibtisch, ein Marine-Leutenant, wie ich an seinem Balken erkannte. Für einen Marine-Leutenant sah mir der Mann allerdings viel zu alt aus, ich schätzte ihn auf fünfundvierzig. Natürlich war das für einen Fighting-Marine sogar uralt, aber auch für einen Etappenhengst kam mir das verdächtig niedrig im Rang vor. Selbst bei den Marines wurde man nicht nach zwanzig Dienstjahren wenigstens Major oder Leutenant-Colonel. Es war ja nicht so, als ob sich allzu viele Leute so lange als Offizier verpflichteten, wenn sie nicht Karriere machen wollten.
Er sah auf und musterte mich, als wäre ich etwas, was einem zugelaufen ist, und man sich überlegt, wie man es wieder los wird, ohne herzlos zu wirken.
Ich stand auf und zuckte sofort zusammen. Irgendetwas mit meinem Rücken stimmte nicht. Doch natürlich nahm ich Haltung an, ein automatischer Reflex nach vollendeter Ausbildung, den man wohl nie wieder loswurde.
»Sir. « Ich salutierte vorschriftsgemäß, vielleicht eine Spur lässiger, als sich das Rekruten erlauben durften, aber immer noch besser als jedes armselige Gefuchtel, welches ein Trooper zustande bringen würde.
Der Offizier schaute zuerst verblüfft und erwiderte dann den Salut so furchtbar ungelenk, dass sich sogar ein Trooper-Private schämen würde.
Natürlich verzog ich keine Miene und wartete. Und wartete. Und wartete.
Der Leutenant schaute mich an, ich fixierte stur einen imaginären Punkt einen Click hinter seiner Schädeldecke. Das Schweigen wurde etwas peinlich, sofern man überhaupt sagen kann, dass mir etwas peinlich werden konnte, der Offizier wusste jedenfalls nicht, was los war.
Meine Zellengenossin begann schließlich zu kichern und auch ich musste meine Mundwinkel streng unter Kontrolle halten.
»Leutenant, sie müssen dem Gunny erlauben sich zu rühren, oder sogar es sich bequem zu machen, sonst wird er vor Ihnen in Hab-Acht stehen, bis der letzte Stern im Universum verglüht ist. «
Der Leutenant schaute verärgert, weniger über den Hinweis des Private, eher über die Tatsache, dass er ein ihn offenbar nerviges militärisches Protokoll einhalten sollte. Das würde ich mir auf jeden Fall merken.
»Schon gut, äh … Gunny? Sie können es sich ruhig bequem machen. «
Diesen nicht einmal annähernd militärischen Befehl beschloss ich jedoch umgehend in die Tat umzusetzen und ließ mich wieder auf meine Pritsche sinken und lehnte mich gegen die Wand.
»Sind sie verletzt, Sergeant? «
Seine Frage, sowie meinen falschen Rang wollte ich mit einem Knurren abtun, aber ein weiterer Stich fuhr mir in den Rücken und verschlug mir den Atem.
»Scheiße, Gunny, die haben Sie aber übel zugerichtet. Leutenant, sie müssen umgehend veranlassen, dass ein Arzt sich das ansieht. «
Die Marine war inzwischen aufgesprungen und hatte mit entschlossenem Griff verhindert, dass ich umgekippt war.
»Ich veranlasse das sofort. Zudem wird das ärztliche Gutachten hilfreich sein, wenn wir eine Gegenklage formulieren. «
Wenn es etwas gab, was ein Marine-Sergeant niemals tat, dann war es verblüfft zu schauen. Die Sergeants der Marine und des Heeres ebenso wie die Chiefs von Trooper und Navy waren das unbeirrbare Rückgrat ihrer Einheiten. Jederzeit kompetent, jederzeit Herr der Lage oder in der Lage ihrer Herr zu werden. Ein unsicherer Sergeant konnte die Moral der Truppe weitaus nachhaltiger schwächen als selbst der inkompetenteste Offizier.
Also schaute ich den Private keineswegs verblüfft an und auch den Leutenant, der so bereitwillig dessen Anweisungen nachkam nicht. Ein Sergeant teilte dem Universum in solchen Fällen jedoch mit einem Blick eine gewisse irritierte Empörung mit, die es – also das Universum – umgehend zu beheben hatte. In der Regel wusste das Universum dann auch, dass es eine rote Linie überschritten hatte und trat betreten wieder zurück. Hier ließ sich das Universum jedoch Zeit.
Stattdessen aktivierte der Leutenant die Com-Einheit an seinem Arbeitstisch:
»Leutenant Earlwood an Lazarett-Station. Ich brauche umgehend einen Arzt im Transportshuttle. Einer der Gefangenen hat offenbar eine Verletzung. «
Es dauerte verhältnismäßig lange, bis eine Antwort erfolgte:
»Hier ist Major Doktor Pike. Handelt es sich um den großen Marine-Sergeant? «
Earlwood schien erleichtert. »In der Tat: Bitte schicken Sie umgehend Hilfe.«
Wieder gab es eine Verzögerung und ich tauschte mit meiner Zellengenossin einen vielsagenden Blick.
»Im Moment ist unser Personal völlig ausgelastet. Aber sobald wir jemand frei haben, schicken wir ihn zu Ihnen rüber. Pike, Ende.«
Der Leutenant starrte verblüfft auf sein Com. Offiziere durften natürlich verblüfft schauen, immerhin hatten sie auch die Akademie absolviert.
»Das war jetzt …seltsam. « Er runzelte die Stirn und schaute mich direkt an, öffnete dann einen Holoschirm und betrachtete eine recht ansehnliche Akte, die ich mit etwas selbstgefälligem, Stolz als meine erkannte.
»Oh, Sie sind ein Strichvierer, na herzlichen Glückwunsch. Nur noch zwei Jahre. Was haben wir da noch? «
Er holte mit einer Geste die nächste Seite nach vorne.
»Aha. Sie trinken, sie spielen, sie prügeln sich, sie wurden schon zwölfmal nach Zapfenstreich in einem Bordell aufgegriffen? Zwölf Mal!«
Sein Blick ging wieder zu mir und ich sah, dass er sich ernsthaft fragte, ob er erstaunt, verärgert oder ein wiederwilliger Bewunderer sein sollte. Dann sah er wieder auf seine Daten.
»Vor zwei Wochen haben sie zuerst vier Kadetten beim Glückspiel ausgenommen und sie danach zusammengeschlagen. «
Wieder schaute er mich an. »Alle vier? Alleine!?«
Ich hob eine Schulter und zuckte automatisch zusammen, weil mein Rücken mir sogar das übelnahm. »Es waren doch nur Trooperkadetten, Sir. «
Der Leutenant schüttelte nur den Kopf, während meine Zellengenossin wieder leise kicherte. Irgendwie süß, aber nicht sehr marinehaft, also warf ich ihr einen warnenden Blick zu. Sofort riss sie sich zusammen, was ich mit einem wohlwollenden Nicken quittierte. Marines sollten nicht kichern.
»Und einen Tag später haben sie dann einen Trooper-Major in den NanoReg-Tank geprügelt? Angriff auf einen Offizier vor Zeugen, wirklich? Warum haben Sie nur etwas so Dummes getan? Nur weil er sie beleidigt hat?«
»Sir, natürlich nicht. Ich habe in meiner Grundausbildung weitaus Schlimmeres gehört und als Ausbilder weitaus schlimmeres gesagt. «
»Aber warum dann? Erklären Sie es mir. Sind sie geisteskrank, wollen sie darauf hinaus? «
Für einen Moment überlegte ich mir die Sache mit der Geisteskrankheit. Es gab tatsächlich etwas, was man mir in gewissen Maß bereits mehrfach bescheinigte. Hypophobie, sagte man zu mir, hieße diese pathologische Angstlosigkeit, bei dem ein Individuum aus unterschwelliger Aggressivität die Gefahr ignoriert.
Ich für meinen Teil konnte den Ärzten da nie zustimmen. Ich kannte Angst, ich erkannte Risiken und schon gar nicht setzte ich meine Gesundheit ohne Bedenken aufs Spiel. Es war einfach nur so, dass mich meine Angst niemals davon abhielt etwas zu tun, was ich tun wollte.
War ich deswegen verrückt? Meinetwegen.
»Sir, nein Sir. Der Major hat mich jedoch angewiesen ihn so hart zu schlagen, wie ich konnte. Zweimal! Er sagte sehr laut, dass er damit den Anwesenden eine Lektion erteilen wollte. «
»Eine Lektion?« Der Leutenant machte sich bereits Notizen.
»Es ging darum, wie hart ein Trooper im Vergleich zu einem Marine ist. «
Meine Kameradin drehte sich schnell weg und verbarg ihr Gesicht unter dem schulterlangen Haar. Ihr Kichern hörte man dennoch.
»Und inwieweit hat es erforderlich gemacht, den Major dafür tankreif zu schlagen? «
»Sir, ich dachte einfach, dass es in einem echten Gefecht tödlich für die Kadetten der Akademie sein könnte zu glauben, sie würden nach einem Volltreffer eines Feindes wieder aufstehen. Und ich habe bewusst nicht so hart zugeschlagen, wie ich hätte können. Wenn man mich also schon anklagt, dann bitte wegen teilweiser Befehlsverweigerung. «
Der Leutenant starrte mich sekundenlang an und ich fühlte mich genötigt hinzuzufügen: »Sir, dazu will ich aber hinzufügen, dass die Lektion für die Kadetten sicher nicht wesentlich lehrreicher gewesen wäre, wenn der Kopf ihres Majors über den Hof gerollt wäre. «
Meine Mundwinkel zuckten nun doch, denn aus dem Kichern meiner Kameradin war ein ansteckendes Lachen geworden.
Selbst der Blick des Leutenants verlor ein wenig an Strenge. »Sie wollen also sagen, die Situation hätte weitaus mehr eskalieren können, wie? « Er winkte ab.
»Ruhen Sie sich etwas aus, Sergeant. Wir fahren mit der Befragung fort, sobald ein Doc sich ihren Rücken angesehen hat. Das sieht wirklich nicht gesund aus. «

Ich bemühte mich, eine ausdruckslose Miene beizubehalten, aber vermutlich wirkte selbst ein eins zweiundneunzig großer Marine mit hundertzwanzig Kilogramm Lebendmasse, der kaum einen tiefen Atemzug holen konnte ohne noch bleicher zu werden, ein bisschen armselig.
»Und Sie, Private. Was machen Sie hier? «, fragte ich, um mich etwas von den Schmerzen abzulenken.
Sie strich sich eine weißblonde Strähne aus ihrem Gesicht, was ich mit professionellem Ärger bemerkte. Kein Marine unter meinem Kommando hätte so lange Haare, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt seine Sicht beeinträchtigen könnten.
»Captain, Gunny. Es heißt Captain. « Sie lächelte wohlwissend, dass ich wegen der fehlenden Abzeichen keinen anderen Schluss hatte ziehen können. »Aber womöglich nicht mehr lange. Vielleicht marschiere ich bald in Ihrer Truppe mit, wer weiß? «
Leutenant Earlwood schnaubte empört. »Das wird nicht passieren, Lauren. Keine Sorge.«
Ich hob fragend eine Augenbraue, ob der vertraulichen Anrede, kommentierte das aber nicht. Wenn Offiziere miteinander sprachen, hielt ein Sergeant seine Klappe. Das war immer besser so.
»Auf jeden Fall bin ich ein genau so schlimmer Fall wie Sie, Gunny. Nunja, in anderer Hinsicht.«
Sie seufzte und es wirkte ein wenig theatralisch aber auch ein bisschen hinreisend, soweit ein Sergeant das von einem Captain überhaupt sagen durfte.
»Ich habe mir ein Sprungshuttle ausgeborgt und eine Spritztour gemacht. Leider bin ich genau über eine Patrouille hier im Outback geflogen und diese Blödmänner hatten nichts Besseres zu tun, als mich zu melden. «
»Ausgeborgt? « Ich lachte ungläubig, auch wenn mich das noch mehr schmerzte. »Sie wollen sagen, Sie haben der Navy ein Sprungshuttle unter der Nase geklaut und die haben es nicht sofort bemerkt?«
Wir Marines hatten natürlich unsre eigenen Shuttles, aber das waren Transportshuttles und Landungsboote. Unser Einsatzbereich umfasste schlicht keine Sprünge in andere Sternensysteme, also hatten wir so etwas auch nicht.
»Irgendwann wohl schon, nach einem Tag oder so, nehme ich an. Aber die Suchmeldung konnte vom Leyton-System noch nicht bis hierhergekommen sein und wenn alles gutgegangen wäre, wäre ich nicht länger als einen halben Tag weggewesen. Aber diese blöden Troopers hier, mussten ja ihre Jagdflieger rufen und mich abfangen. «
Ich schüttelte so leicht den Kopf, dass sich die Schmerzen in Grenzen hielten.
»Nur eine Spritztour, ausgerechnet hier ins Outback? Captain, sie sind keine gute Lügnerin. Sie müssen an Ihrer Geschichte wirklich noch arbeiten. «
Ihr Blick suchte den Leutenant. »Er ist gut, oder?«
Der nickte: »Und das bei den Schmerzen, die er haben muss. Aber die MPs schrieben es ja in ihrem Bericht. «
Meine Augenbrauen zogen so zusammen, dass mich sogar die Stirn dabei schmerzte. »Was wird hier gespielt? « Auch wenn schwarze Flecken in meinem Sichtfeld auftauchten, erhob ich mich zu voller Größe und meine Fäuste ballten sich unwillkürlich.
Der Leutenant sah mich ungerührt an, klar, uns trennte ja ein Energiefeld, welches mich lahmlegen würde, wenn ich es länger als ein paar Sekunden berührte.
»Haben sie wirklich auf die Frage, ob sie ein harter Hund wären, dem Major geantwortet, sie hielten sich eher für einen Denker? «
»Sir, das ist korrekt, Sir. « Auch wenn ich zunehmend wütender wurde, siegte dennoch die Disziplin, die über die Jahre eine Art innere Panzerung für mich geworden war.
Nachdenklich nickte der Offizier. »Ich denke inzwischen auch, dass es eine gute Idee war, dass General McCoy mich herbeordert hat, um sie herauszuhauen. «
Vielleicht gab es doch Situationen, in denen ein Sergeant ein ganz klein wenig verblüfft sein durfte.
»Natürlich mussten wir glaubhaft erklären, warum ein General in Charge persönlich einem einfachen Sergeant einen Anwalt besorgen würde, anstatt einfach den Pflichtverteidiger der Troopergerichtsbarkeit zu akzeptieren. Daher die Sache mit dem geklauten Shuttle und einem darin verstrickten Captain.«

Meine Muskeln begannen zu zittern und ich konnte förmlich spüren, wie Stück um Stück meines Körpers versagte.
MacCoy, General Bum Bum MacCoy persönlich wollte mich raushauen? Warum beim Abyss, sollte ein verdammter General ausgerechnet für mich so etwas tun?
Ich wunderte mich immer noch, als ich merkte, wie ich zusammenbrach und mühsam von meiner Zellengenossin aufgefangen wurde.
»Öffnen Sie die Zelle, Earlwood, schnell. Wo bleiben nur die Sanis? «
»Ich fürchte, man bummelt da absichtlich etwas. Der Sergeant ist bei den Troopers derzeit wohl eine persona absoluta non grata. «
»Lassen Sie mich mal. «
Undeutlich hörte ich eine Com-Einheit klicken, als sich tiefe Schwärze wie eine Decke über mich ausbreitete.
»Hier spricht Captain MacCoy. Ja, genau, die Tochter von General MacCoy. Wir haben im Shuttle einen akuten Notfall, und falls nicht in den nächsten hundertzwanzig Sekunden Hilfe eintrifft werden Köpfe rollen. «
Sie hatte nicht einmal besonders laut oder aggressiv geklungen, nur verdammt entschlossen.
»Ich liebe entschlossene Frauen …«, kam es mir noch in den Sinn, dann verabschiedete sich mein Bewusstsein erneut.
Zweimal in einem Monat. Das durfte jetzt nur keine blöde Angewohnheit werden.

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