Doc Raven - persönliche Eindrücke

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Tom
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Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 21 Apr 2019, 19:52

Die Rote Königin.
Es war kurz nach Weihnachten, als die Einladung bei mir eintraf. Sie war aus echtem Papier, was mich neugierig genug machte, sie nicht gleich wegzuwerfen, zumal man mich persönlich, also Esme Kelly eingeladen hatte. Das kam inzwischen so selten vor, dass ich sogar vergaß mich darüber zu amüsieren, dass die richtige Schreibweise meines Vor-Namens wohl nie in Mode kommen würde.
Natürlich hing es aber auch davon ab, aus welcher Datenbank man ihn gezogen hatte. Inzwischen gab es da wohl ein paar. Wiz-Net, Deutscher Geheimdienst, Mitarbeiter der Jahres bei DF (Scherz!) und seit dem Rennen vermutlich auch einige andere eingeweihte Kreise. Puhkk, ganz Findige konnten ihn ja noch aus meiner Zeit bei den Urban-Brawls, es wurde echt langsam Zeit, Sireen darauf anzusetzen. Warum auch immer, ich verschob das schon seit Monaten und bislang war daraus nichts Schlimmes erwachsen. Vielleicht war das Ganze auch nur törichter Stolz auf meinen guten Ruf?
Wie dem auch sei, Grund genug für mich die Einladung anzunehmen.
Ich war die Sylvester und zugleich Eröffnungsfeier des Red Queen in Atlanta eingeladen.
An sich hatte ich ja geplant den Rest des Jahres in trauter Zweisamkeit (Dreisamkeit, falls sich Rianon mal wieder selbst einladen würde) in meinen Appartement zu verbringen. Immerhin hatte ich meine Partnerin – und ja, der Begriff klingt kühl, aber auf den haben wir uns schließlich geeinigt – gerade erst soweit aus ihrem Hochsicherheits-Schneckenhaus in meine gemütliche Hobbithöhle gelockt und wollte das natürlich auskosten. Sie bemerkte natürlich die Einladung und hob auf ihre typische Art beide Augenbrauen bis zum Haaransatz. Fragen würde sie mich nicht, solange sie auch nur den Verdacht hatte, es wäre etwas Berufliches. Das war eine weitere Bedingung unsrer komplizierten Partnerschaft. Keine Job-Dinge in 500 Meter Radium um den Ort, den wir als gerade gemeinsam und privat nutzen.
Sie ist eine knallharte Verhandlungspartnerin, das ist mal sicher.
Ich zeigte ihr die Einladung und hob die Schultern. »Ich habe ohnehin um die Jahreswende Verpflichtungen und ich sehe es dir doch an, dass du kaum wiederstehen kannst, einen nagelneuen Club bei der Premiere zu besuchen!«
Ein bisschen traf es mich schon, dass sie mir in einem Nebensatz einen Korb gab denn es hieß ausdrücklich mit Begleitung, aber soweit waren wir offensichtlich noch lange nicht, würden es vielleicht nie sein.
Also war ich gegen 22 Uhr am 31. Dezember in Atlanta. Wenn ich noch ganz dicht gewesen wäre, hätte ich Sireen den neuen Club bis auf die Grundmauern durchleuchten lassen, aber ich wollte das Ganze nicht wie einen Job angehen. Es sollte ein Abenteuer werden, und was sollte schließlich schon bei einer offiziellen Veranstaltung Schlimmes passieren?
Ja, klar, ich weiß die Antwort, die Frage war rein rhetorisch!
Ich hatte eine Fracht-Maschine der DF genommen, der ohnehin etwas zusätzlichen Geleitschutz nicht schadete, zugleich aber auch einen offiziellen Linienflug gebucht. Immerhin wollte ich meinen gut informierten Gastgeber nicht enttäuschen und mein Kommen ankündigen.
Mit einer Mietkutsche ließ ich mich vorfahren und stieg in meinem feinen Anzug direkt am Haupteingang aus, wo man mich direkt durchwinkte. Die große Orkin, die den Einlass regelte, schien eine Profi-Wrestlerin oder wenigstens eine Combat-Bikerin der Offense-Line zu gewesen zu sein, jedenfalls stand sie Chips, meinen Lieblings-Concierge im Dantes zuhause an Präsenz in Nichts nach.
Wie immer genoss ich die Vorzugsbehandlung und auch die neidischen Blicke des gemeinen Volkes in bisschen, ich nehme an, man muss einfach schon oft genug auf der anderen Seite des Zauns gewartet haben, um das wirklich schätzen zu können.
Natürlich sah ich in meinem 10000 NuYen-Anzug auch top aus. Ich hatte mir sogar eigens für den Anlass eine Frisur machen lassen, die bewusst verspielt und nachlässig elegant wirkte, wie ich sie selbst nach 5 Stunden nie hätte hinbekommen. Es lohnte sich einfach da einen Profi heranzulassen.
Der Club selbst war zuerst ein kleiner Schock, da er auf seine eigene Art total auf Old-School setzte. Es erwartete mich weder die übliche Lichterorgie, die man schon als Kakophonie oder Bombardement der Sinne bezeichnen kann, noch waren die üblichen AR-Komponenten vorhanden, die sonst die Clubs durch personalisierte Grafiken, Werbungen und Informationen aufwerteten.
Etwas überrascht, nahm ich meine Kommlink-Brille ab, die mit der Haupteinheit in meinem Armband verbunden ist und in den letzten Jahren fast ständig aktiv war. Es dauerte ein wenig, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nicht überall Zugriff auf aktualisierte Informationen zu haben, aber nicht sehr lange. Immerhin habe ich gut die Hälfte meines Lebens so gelebt und schnell empfand ich die Stille als angenehm.
Natürlich war es nicht wirklich still im Red Queen. Es gab Musik, jede Menge Prominenz war da und die erste Stunde verbrachte ich schlicht damit die Grundstimmung auf mich wirken zu lassen. Ich sprach unverbindlich mit ein paar Leuten, ließ mir die Berühmtheiten erklären, von denen ich aber die Wenigstens kannten. Der Boss von Coca-Cola war hier, und ich meinte einige Leute vom DCD zu sehen, an die ich mich dunkel erinnerte. Später habe ich erfahren, dass irgendwo sogar Dante herumgelaufen sein soll, das wäre wenigstens ein Promi gewesen, den ich sogar persönlich kannte, aber irgendwie habe ich ihn wohl verpasst, nicht dass ich mir deswegen groß Vorwürfe mache. Immerhin waren Diverse Profis der Atlantaner Clubs anwesend. Wer schaut schon nach Dante Passini, wenn man Buddy Hawkins oder sogar Roy Advent, die Starting-Linebacker der Falcons ansprechen kann, von Chriss The Miz Milestrom, dem Starpitcher der Braves will ich gar nicht anfangen.
Aber zuerst musste ich noch den quasi geschäftlichen Teil erledigen.
Als ich mich also eine Stunde ganz brav gezeigt hatte und man mich weder entführt, sexuell belästigt (beinahe schade) oder sonst von Gastgeberseite angesprochen hatte, beschloss ich mich selbst vorzustellen.
Also runter mit dem biederen Anzug. Darunter hatte ich meine knitterfreie Party-Geheimwaffe an. Ich weiß, Kunstleder wirkt mitunter billig, aber ich mag den Stoff. Reißfest, schnell aus und angezogen, Fleckengefahr fast Null und es signalisierte mehr Abenteuerbereitschaft als ein Business-Anzug. Doch wenn ich wirklich hätte aufreizen wollen, hätte der Rocksaum knapp unter meinem Steißbein enden müssen, aber ich glaube, aus dem Alter bin ich raus. Ich zog aber auch so genug Aufmerksamkeit auf mich um meinen Zwecken zu genügen. Wer auch immer mich nun zufällig mit der Gastgeberin plaudern ah, würde zuerst die Partybiene sehen, die sich bei der Chefin anbiedern will, sehen. Das Letzte was ich wollte, war von den Promis hier als Miet-Druidin eingeschätzt zu werden. Wer weiß schon, wann ich die Damen und Herrschaften bei einem anderen Anlass wiedertreffe?

Tom
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Re: Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 21 Apr 2019, 19:53

Lillianne Anderson
Die Decke des Clubs bildete ein großes Schwimmbecken, dessen Boden ganz aus Transplex oder Glasbeton bestand. Jedenfalls war es erleuchtet und man hatte gut jeden Schwimmer sehen können.
Um diese Jahreszeit gab es wohl niemand der kühn genug war, das Becken zu nutzen, oder es hatte schlicht niemand das passende Zeug dazu dabei. Anderseits wäre es vermutlich seltsam, sich da oben zu amüsieren und von unten angegafft zu werden. Für einen ekligen Moment kam mir sogar das Bild vor Augen, wenn ein paar der ganz verwöhnten sich nicht beherrschen können würden und das Wasser sich plötzlich blau, oder, Odin bewahre mich vor dem Anblick, gelb gefärbt hätte!
Ich schüttelte den Gedanken so schnell ich konnte ab und begab mich auf die Dachterrasse, wo ich die Gastgeberin treffen sollte.
Dort oben herrschten tatsächlich frische Temperaturen und ich war ganz froh, wenigstens die Anzugsjacke über die Schultern geworfen zu haben. Natürlich hält mir Freijas Gabe, die Rüstung, die mich selbst in Midgard noch unsichtbar umfängt, die volle Wirkung der Dezemberkälte vom Leib, aber wenn man nicht auffallen will, ist es allemal besser dann zu frösteln, wenn es alle anderen auch tun.
An der langen Bar schnappte ich mir noch einen Drink, bemerkte die langbeinige, dunkelhäutige Asiatin, die sich dort ein wenig gelangweilt herumdrückte. Aber ich beschloss aber mich zuerst du der rothaarigen Sängerin vorzustellen, bei deren Anblick es Klick bei mir gemacht hatte. Klar, kannte ich den Namen.
Sie schien trotz des abgelegen Ortes eine Art Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, was nur logisch war, immerhin gehört es zum Anstand sich für eine Einladung wenigstens zu bedanken, jedenfalls zu der Art Anstand, die mir meine Eltern noch beigebracht haben, und ja, ich weiß, das war noch in einer anderen Welt.
Das Gespräch war wie erwartet höflich und abwartend, man musste schon völlig instinktlos sein um nicht zu merken, dass das nicht einfach eine bekannte Sängerin war, oder war es mein professioneller Argwohn, der das erkannte? Jedenfalls wurde schnell klar, dass sie mich nicht eingeladen hatte, weil sie von meinen eigentlich legendären Fähigkeiten als Partymaus gehört hatte, sondern mich demnächst für einen Job anwerben wollte.
Man hat mich jedenfalls schon deutlich schlechter auf ein Angebot aufmerksam gemacht, also sagte ich vorsichtig zu, es mir auf jeden Fall anzuhören. Da quasi schon andere Schlange standen, verabschiedete ich mich auch schnell wieder. Immerhin war es ja mein erklärtes Ziel, nicht schon heute vor allen Augen mit ihr in Verbindung gebracht zu werden.
Ich mischte mich also unters Volk, soweit man das von den wenigen Leuten auf dem Dach so sagen konnte. So lernte wie zwei vermutlich chinesische Frauen kennen, von denen eine noch fast ein Kind war. Mute und Jai Ming hießen die beiden. Die jüngere war stumm und unterhielt sich mit Zeichensprache oder per Kärtchen, was ich irgendwie goldig fand. Die Ältere deutete an, eine Filmberühmtheit zu sein, tanzte aber so nervig um den heißen Brei herum, mir irgendetwas Brauchbares darüber zu verraten, dass ich schnell das Interesse verlor. Keine Ahnung, warum die Leute glauben sich so verhalten zu müssen, aber dass fiel mir schon die letzten Jahre über zunehmend auf. Nahezu jeder scheint es hip zu finden, sich geheimnisvoll in Andeutungen zu ergehen. Warum logen die Leute nicht einfach, wie früher? Eine gute Geschichte und einen unterhaltsamen Hintergrund, und schon hatte man ein Gesprächsthema. Es erwartete doch niemand ernsthaft, dass man einem Fremden seine echten Lebensumstände beichtet? Dieses geheimnisvolle Getue ist doch albern.
Ich versuchte mich noch ein wenig mit der Kleinen zu unterhalten, aber irgendwie war sie auch verdreht, andererseits sind Teenager immer seltsam.
Den Versuch abzuchecken, ob ich mit ihr telepathisch eine Zweiwege-Kommunikation aufbauen könnte, wurde von einem Wächtergeist oder etwas in der Art abgewürgt. Offensichtlich hatte die Gastgeberin oder sogar sonst noch jemand etwas dagegen, wenn man einen näheren Blick auf die Auren der Gäste warf. Ich war froh, Bryn nicht eingeladen zu haben mitzukommen. Die hätte garantiert wieder einen Aufstand gemacht. Im Gegensatz zu mir hat sie diesen eingebauten Ich-bin-im Recht-Kompass, den irgendwie alle Walküren haben und ist schnell dabei dieses Recht auch zu behaupten.
Auch wenn mein Kodex ein wenig zuckte, hatte Mute ja offensichtlich schon eine Beschützerin, also kein Grund für mich, hier mehr Kraft als nötig hineinzustecken, oder mich gar mit der astralen Überwachung des Clubs anzulegen.
Also verschwand ich nach dem obligatorischen Neujahrsfeuerwerk aus der Kälte und schloss mich einen Gruppe Falcons an und genoss die Party. Schließlich bin ich bei ihrem Tide-End Bill Kowalsky gelandet, ein gar nicht so furchtbar aufgepeppter Norm von über zwei Metern. Ich kann nichts dafür, dass ich auf große Kerle stehe, und wenn sie zudem Sportgrößen sind, aber hallo!
Ich war inzwischen betrunken genug, mich abschleppen zu lassen und es einigermaßen gelassen hinzunehmen, dass er andeutete, gerne auch noch den Rest der Offense-Line zum Matratzensport mitbringen zu wollen. Nicht, dass es nicht irgendwie etwas gehabt hätte, ein Mädchen sollte im Leben alles mal zumindest in Betracht ziehen, aber an nächsten Morgen, mit deutlich klareren Sinnen, sagte mir das mehr über seinen Charakter, als ich eigentlich wissen wollte.
Aber immerhin hatte es Spaß gemacht und ich wusste, Keesha würden die Schnurrhaare grün vor Neid anlaufen, wenn ich ihr das beim nächsten Filmabend erzählen würde. Trotzdem würde ich Carl Mecky, den Star-Cornerback unsrer Seahawks das nächste Mal besonders laut feiern, wenn er mal wieder einfach einen Pass auf Billy vor dessen Nase herunterpflückte.

Tom
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Re: Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 21 Apr 2019, 19:53

Ein neues Team?
Der Anruf kam Wochen später. Ich hatte gerade für Rianon einen Double-Auftritt hinter mir und für die DF stand nichts an. Zudem war mir in den letzten Monaten mehr und mehr aufgefallen, wie sehr ich begonnen hatte, mich auf meine Infrastruktur zu verlassen. Ich hatte mir eine Komfortzone eingerichtet und auch wenn Freija mir im Zwiegespräch versicherte, dass das in Ordnung war und jeder es verdiente, einen Platz in der Welt zu haben, wo er sich wohl fühlte, war Thor nicht ganz dieser Meinung. Nicht, dass wir darüber gesprochen hätten! Solche gefühlsduseligen Themen waren unter uns harten „Kerlen“ tabu. Aber ich konnte fühlen, wie er nicht ganz zufrieden mit seiner neuesten Kriegerin war. Wenn Thor etwas nicht abkann, dann ist es, wenn man zu bequem wird. Feiern? Ja klar, oft, laut und so wild wie möglich. Sex? Kein Thema, mit so vielen Partnern wie möglich. Ok, das könnte auch meine Interpretation sein …
Aber die Zeit, in der ich mich zurücklehnen durfte und rundherum mit mir zufrieden sein durfte, die war für mich noch nicht gekommen. Ich musste mich beweisen, musste mich selbst fordern, musste auf eigenen Füßen stehen.
Als ich meiner Partnerin meine Gedankengänge darlegte, schüttelte sie den Kopf und erklärte mich für verrückt. Neben Rianon und der Foundation hatte ich ja noch einen Tempel am Laufen, von dem jungen Cutter-Ganger, um den ich mich zunehmend mehr kümmerte und der jungen Orkhexe, die ihre Göttin Wicca ausgerechnet zu mir geschickt hatte, um die Grundlagen der Hexerei zu lernen, brauchte sie gar nicht erst etwas zu wissen.
Man sollte also meinen, mein Leben wäre gefährlich und aufregend genug. Aber man muss sich nur gut umschauen und sehen, was andere Druiden, Schamanen, Hexen und auch Magier auf nehmen mussten. Magie in der sechsten Welt mochte eine Geschenk sein, aber eines, das wohlverdient sein wollte.
Wenn also Thor unruhig war, war ich es ebenso.
Mit ihrer Versicherung, dass sie ja nachweislich auf verrückte Ellfinnen stand, wünschte sie mir daher viel Glück, als ich nach Atlanta aufbrach.
Hinter dem mir bekannten Red Queen gab es eine weitere Bar, ich würde ja sagen, es war eine Runner-Bar, wenn das nicht so furchtbar nach einer abgedroschenen Trid-Serie klingen würde.
Wie ich herausfand, war Anderson, in den Schatten nannte sie sich Crimson, auch hier die Betreiberin, oder trat zumindest als Face für den Laden auf.
Ich traf die dunkle Asiatin wieder, die sich Ash nannte und sich doch tatsächlich mit einer Maske … maskiert hatte. Aber auch Crimson trug eine Maske und ich kam mir ein klein wenig veralbert vor. Aber ich musste auch zugeben, dass ich die Gepflogenheiten in Atlanta nicht wirklich gut kannte und daher war ich vorsichtig mit meinem Urteil, wenngleich mir das eine oder andere vielleicht doch herausgerutscht ist. Ich und meine große Klappe! Mein Erwachen hat nicht nur vorteilhafte Charakterzüge mit sich gebracht, leider wahr!
Auch Jai Ming und Mute traf ich wieder.
Wir vier sollten also ein Team sein.
Wie bei jedem neuen Team gab es natürlich Anfangsschwierigkeiten. Bei mir war es hauptsächlich, dass ich nicht recht wusste, was die Anderen beitragen sollten. Mit der Sprache herausrücken, was denn das Fachgebiet der von jedem ist, wollte auch keiner. Ich sollte (vermutlich) als Ärztin mit, doch wozu genau die Anderen dabei waren?
Jai Ming erzählte nun, da wir unter uns waren, verstörend freimütig, dass sie und Mute Auftragsmörder waren. Hallo? Hatte Crimson mir nicht bei unsrem kurzen Sondierungsgespräch an Sylvester versichert, dass sie ebenso wenig wie ich Metzgerarbeit mochte, oder hatte ich da etwas grundlegend falsch verstanden?
Und nun sollte die Hälfte unsres Teams aus gedungenen Mördern bestehen? Es ist ja nicht so, dass meine Freundin Gilette nicht auch genug Tote in ihrem Lebenslauf hätte, aber wenigstens verstand sie das nicht zwingend als Hauptmerkmal ihrer früheren Arbeit und schon gar nicht hätte sie es offen zugegeben.
Ash wiederum schien mir allgemein recht unsicher zu sein, was sie irgendwie recht sympathisch machte. Ich weiß, ein Teammitglied, das unsicher ist, will man gar nicht dabeihaben, aber der Job war schließlich kein Run auf einen Konzern. Wenn ich die Sache richtig einschätzte, war es gar kein Run im eigentlichen Sinne, eher etwas Fußarbeit, was man vor einem Run erledigte. Und jeder fängt mal an. Vielleicht war Ash in Japan einmal Teil eines Konzerns, oder lebte in eine Enklave, womöglich hatte sie ihr Erwachen auch erst kürzlich. Wie dem auch sei, mir war ein Partner, der noch nicht genau wusste, wie er seinen Job zu definieren hatte allemal lieber, als jemand der sogar von sich behauptete, Leute umzubringen, wäre sein Beruf. Hinzu kam einer meiner hart erworbenen Erkenntnisse: Wer Leute umbringt, bringt Leute um. Was für Leute bedeutet, die mit ihnen arbeiten, dass sie sich darauf verlassen müssen, dass die Killer den Unterschied zwischen Leuten und Leuten kennen müssen.
Und das sagt jemand, der mit einer Vampirin zusammenwohnt!

Auch wenn die Bezahlung für meine Verhältnisse an der unteren Grenze lag, sagte ich zu, natürlich erst nach dem obligatorischen Zögern. Ich konnte ja schlecht zugeben, dass ich einfach neugierig und abenteuerlustig war. Wenn die Leute glauben, sie müssten dich nicht bezahlen, dann wundere dich nicht, wenn sie es auch nicht tun.
Die Vorarbeit war jedenfalls top, etwas umständlicher vielleicht, als ich es gewohnt war, aber ich glaube, selbst Sireen hätte beide Daumen hoch gegeben. Die Anreise in die ADL war ebenso gut geplant, wie unsre Unterbringung und sogar Waffen wurden auf einem zweiten Weg transportiert.
Natürlich nahm ich keine Waffen mit. Kurz überlegte ich, meine eigenen Kontakte zu benutzen, den Auftragsort sondieren zu lassen, alle möglichen digitalen Infos einholen zu lassen, aber ich wollte schließlich ins kalte Wasser springen und sehen, ob ich darin schwimmen konnte. Außerdem wollte ich sehen, wie weit wir mit diesem, auf den ersten Blick recht einseitigem Team, kommen würden.

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Re: Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 21 Apr 2019, 19:59

Déjà-vu.
Als wir in Dortmund ankamen, übernahm ich fürs Erste die Führung, weniger weil ich wollte, sondern weil ich die Deutsch sprach und die deutsche Kultur ein wenig kenne. Ich hatte da zwar mehr auf Jai Ming gehofft, die immerhin angab, bisher in den ADL gearbeitet zu haben, aber die hielt sich extrem vornehm zurück.
Nach dem üblichen Abchecken des Hotels und der Umgebung, beschlossen wir noch in derselben Nacht nach Bochum zu fahren, um das Untergeschoss des Hochhauses zu untersuchen, wie es unser Auftrag vorsah.
Mute stellte sich überraschend als ausreichend gute Deckerin heraus, um die Sicherheitsanlagen, die beinahe schon lächerlich waren, elegant auszuhebeln. Ich war wirklich froh, den findigen Teenager dabei zu haben, denn ich habe zwar den einen oder anderen magischen Trick um sogar Kameras auszutricksen, aber Magie hinterlässt immer eine Resonanz und wenn die entdeckt wird, holen sie immer schnell andere Magier. Genau das wollte ich bei einem neuen Team auf gar keinen Fall.
Wir konnten uns ohne Weiteres Zutritt zum zweiten UG verschaffen, in dem in den letzten zwei Monaten eine Art medizinische Laborumgebung aus dem Boden gestampft worden war. Der hastig verlassene Ort verriet uns auch Einiges über die Vorgänge, die sich hier abgespielt hatten und sehr plötzlich kam mir das Ganze sehr vertraut vor.
Einige Leute, darunter Crimson, waren gekidnappt worden und mit SinSim-Technologie in eine extrem realtitätsnahe virtuelle Welt gesteckt worden. Zwei der Entführten waren Infizierte und mit einem abenteuerlichen Cocktail war es sogar gelungen sie ruhigzustellen. Ich nahm mir für eigene Forschungen und vielleicht einmal nötige Behandlungen ein paar Proben des Cocktails sowie Blutproben, um die genaue Wirkung des Cocktails gegenzuprüfen. Anders als die Entführer (vermutlich) war es mir nicht egal, ob ich mit den Betäubungsmitteln womöglich einen dauerhaften Schaden verursachte.
Zudem machte ich mir ein paar persönliche Notizen über die beteiligten Wissenschaftler, nicht ganz uneigennützig, wie ich zugeben muss. Immerhin ähnelte diese Entführung und auch die Methode der damit verbundenen Informationsbeschaffung frappierend dem, was mir und meinem Seattler Team zugestoßen ist. Nun ist VR-Täuschung vielleicht keine ganz neue Idee, aber ich glaube dennoch, dass es nicht so viele gibt, die sich darauf spezialisiert haben. Zudem wäre ich schön doof, wenn ich an einen Zufall glauben würde, wenn ich zweimal innerhalb eines Jahres auf nahezu dieselbe exotische Vorgehensweise treffe.
Zudem wollte ich Crimson, ganz unverbindlich natürlich, empfehlen, für die Beseitigung der restlichen DNA-Spuren zu sorgen. Ritual-Hexer können unglaublichen Scheiß mit einem anstellen, wenn sie solche Proben von dir haben. Leute, die eine solche Entführung mit solchen Mitteln anleiern können, denen traue ich locker zu, jemand in der Hinterhand zu haben, der sich auf solche hinterhältigen Sauereien versteht.
Alles in allem war ich ganz zufrieden, als wir unsre Erkenntnisse in unserm Hotelzimmer sortiert und katalogisiert hatten und einen ganz brauchbaren Zwischenbericht an Crimson abgeben konnten.
Unsre nächsten Schritte würden wohl sein müssen herauszufinden, wer die Geldgeber waren und wo sie zu finden wären. Nicht ganz das, was ich sonst mache, aber notfalls rufe ich eben AA oder Gil an und hole mir ein paar Tipps, ohne natürlich ins Detail zu gehen.
Klar, ich sagte, ich springe ins kalte Wasser, ich sagte aber nicht, dass keinen Neoprenanzug anziehen würde. Diese ganze VR-Sache verlangt zudem, dass ich die Sache deutlich ernster nehme, als ich es zuerst vorhatte.
Aus reiner Abenteuerlust ist nun persönliches Interesse geworden.

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Re: Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 29 Apr 2019, 10:35

Fußarbeit
Wir waren noch dabei unsre Aufklärungsdaten zusammenzufassen, als der Rest unsres Teams eintraf.
Specter und Jai Ming beteiligten sich an der Auswertung. Ich hatte das Gefühl die beiden Frauen kannten sich auch eher kurz und auch bei Specter hatte ich absolut keine Ahnung welche Rolle sie im Team übernehmen sollte. Das Ganze wirkte nach wie vor sehr zusammengewürfelt für mich, ein bisschen, wie eine Pfadfindergruppe, nur dass einige der Pfadfinder erklärte Auftragsgeker waren.
Soweit wir bisher wissen, war Dr. Jericho der Leiter der Verhörtruppe, Dr. Angela Willsom seine Assistentin und Timothy Jeremia der Techniker.
Die Opfer wurden auf eine Person namens Beastmode und eine Waffe namens Saigetzu befragt. Es wäre für mich privat interessant zu Erfahrung, warum man eine Waffe Jahreszeiten nennt und ich vermute dabei ein Artefakt oder einen mächtigen Waffenfokus, aber ich nahm an, dass das Wissen uns keinen weiteren brauchbaren Ansatz für die Ermittlung nach den Hintermännern liefern würde.
Da Jeremia und Jericho inzwischen tot waren, blieb uns nur Dr Willsom ausfindig zu machen, wollten wir Informationen aus erster Hand.
Wieder halfen uns Mutes Kenntnisse über das Nachforschen im Darkweb weiter. Ich komme zu dem Schluss, dass ich mich dort auch etwas weiterbilden muss. Vielleicht kann mir Sireen oder AA ja ein kleines Deck mit vorgefertigten Programmen zusammenstellen, mit dem ich wenigstens einfach Systeme überlisten und die wichtigsten Adressen im Darknet ansteuern kann.
Da Mitsuhama zumindest einen Teil des untersuchten Hochhauses bewohnt, ließen wir von weiteren Versuchen ab, dort etwas zu versuchen. Den AAA-Kon wollten wir nicht aufschrecken. Wir behielten uns aber im Hinterkopf, ihnen womöglich einige Infos zu der Unternehmung im untersten Stock zu verkaufen, wobei ich persönlich keine NuYen dafür haben wollte, lieber einen gutgelaunten Kontakt zu Mitzu-ADL für die Zukunft. Zudem war mir noch nie wohl, für einen Job für mehrere Anbieter zu erledigen. Ich weiß, das ist in der modernen Runnerszene inzwischen kein Tabu mehr, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass man damit gewaltig an Seriosität einbüßt, wenn das die Runde macht. Ich mag nicht zu den Top-Runnern gehören – tatsächlich bin ich mir gar nicht sicher, ob der Begriff Runner auf mich überhaupt noch zutrifft – aber dafür ist mein Ruf diskret und exklusiv zu sein gut bekannt. Kein Grund das zu ruinieren.
Mute fand heraus, dass Dr. Willsom ein Taxi zum Bahnhof genommen und von dort weiter nach Hamburg gereist war. Dort hatte sie eine Fähre nach NewYork bestiegen. Dieses Fähre kam nie an, und doch sendet das Schiff nach wie vor seinen Standort über ein Transpondersignal. Offizielle Verlautbarung war allerdings, dass das Schiff unauffindbar verloren gegangen wäre. Rettungsmannschaften waren genauso unauffindbar verschwunden.
Als ich diese Neuigkeiten dem Rest des Teams mitteilen wollt, damit sie diese in ihre Überlegungen mit einbinden konnten, erwartete mich eine eigenartige Szene.
Ash saß nackt auf dem Bett, Jai Ming stand herum und summte irgendeinen asiatischen Pop-Song und Specter schaute Cartoons im Trid. Ich bemühte mich um eine neutrale Mine, aber ich vermute, mir müssen meine ersten Gedanken auf der Stirn abzulesen gewesen sein.
Es ist ja nun nicht zu erwarten, dass ein Team sofort wie ein Uhrwerk funktioniert, aber dass der Rest seine Arbeit einfach einstellt um, … was auch immer hier pukking abging, zu treiben, während die anderen eine kurze Recherche durchführen, ließ mich ernsthaft an der Professionalität der Betreffenden zweifeln.
Da Mute gleich hinter mir herkam, überwand ich meinen aufkommenden Ärger schnell, da dieser genauso wenig hilfreich gewesen wäre.
Wir ließen den Rest des Teams an den Neuigkeiten teilhaben und schichten die neuen Erkenntnisse an unsre Auftragsgeberin, da eine weitere Nachforschungen in diese Richtung, enorme Reisekosten und höchstwahrscheinlich einen harten Kampfeinsatz verursachen würden.
Mute fand weitere Videos mit den beiden Verstorbenen, beide gehörten zu zwei unterschiedlichen Hotels in Bochum, eins am Bahnhof, eins am Stadtrand, unsre letzten Hinweise für eine weitere Suche vor Ort.
Ich erhielt die Anweisung vor Ort weiter zu ermitteln, um die Suche nach der Fähre sollte sich ein Team kümmern, zu dem Specter nun offenbar abgezogen wurde. Unwillkürlich fragte ich mich, ob das andere Team besser zusammengestellt sein würde, als dieses hier. Falls nicht, wäre ich bei dem ganzen Aufwand, den unsre Gegner hier betreiben, sehr überrascht, noch einmal von Specter zu hören.

Wir werden uns jedenfalls als Nächstes mit den beiden Toten beschäftigen, da wir uns davon weitere Hinweise auf die Hintermänner erhoffen. So schlampig wie die Cleaner bisher in Bochum vorgegangen sind, habe ich sogar einige Hoffnung. Wer auch immer die Entführung der Fünf geplant hatte, stand entweder unter großem Zeitdruck oder war schlicht nicht ausreichend informiert über deren Gefährlichkeit. Oder aber sie hofften noch lange unter dem Radar Mitsuhamas zu bleiben und haben daher das Labor noch nicht von Spuren gereinigt.
Die Fußarbeit geht also weiter, was für mich Sahne ist. Wie es aussieht, muss ich ja genau das verbessern. Sollte ich mich dabei also lächerlich machen, dann wenigstens fern meines sonstigen Einsatzgebiets.
Im Hinterkopf habe ich natürlich die Möglichkeit, dass Mitsu das Misslingen der Operation erst verursacht hat und wir gerade indirekt die Drecksarbeit für den Konzern machen. Mit dem Verdacht halte ich mich aber zurück, bis ich mehr Hinweise habe. Dennoch wird es so langsam Zeit für mich, eine Exit-Strategie zu entwickeln. Besser haben und nicht brauchen, als dann nicht haben.

Wenn ich nur mehr über die Fähigkeiten meines Teams wüsste …

Tom
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Re: Doc Raven - persönliche Eindrücke

Post by Tom » 11 May 2019, 13:29

Familie Tao?

Eine Untersuchung des Banhofhotelzimmers des verstorbenen Dr. Jeremiah ergab fast keine Hinweise, das das Apartment auf magischem Wege gereinigt worden ist. Mit Mutes Tricks konnten wir wieder verräterische Kamera-Aufnahmen vermeiden, Ash imponierte mir sogar durch ihre Talent elektronische Türschlösser zu knacken.
Wir entdeckten jedoch ein kleine E-Paper, auf dem Jeremiah offenbar die Ergebnisse eigener Nachforschungen über seine Arbeitgeber und die Betreiber des Labors. Er und der Techniker scheinen also einen echten Grund gehabt zu haben, misstrauisch zu werden. Beinahe mehr als ihre Ergebnisse würde mich ja die näheren Umstände interessieren. Ich schließe jedoch allein uas der Tasche, dass sie überhaupt Nachforschungen angestellt haben, dass nicht Mitsuhama der eigentliche Arbeitgeber war. Deren Logo ist immerhin nicht zu übersehen auf dem Dach des Gebäudes angebracht. Warum sollte man also nachforschen, wenn man annehmen würde, Mitsu steckt hinter allem, das wäre doch der nakehliegne Schluss?
Die Spur der Creds führte Jeremiah zu einer Familie namens Tao, die die Ausgaben für Labor, Ausrüstung und Gehälter offenbar von versteckten Konten getätigt hat, ähnlich den Deep-Black-Konten, von denen Konzerne ihre Black Ops finazieren.
Woher ich sowas weiß? Offiziel gar nicht, hypothetisch könnte es sein, dass ich für meinen Hauptarbeitsgeber bisweilen Aktionen im dunkelgrauen Bereich durchgeführt habe und aus ähnlichen Creditquellen bezahlt worden wäre ...
Natürlich habe ich einen aktualisierten Bericht an unsre Auftragsgeberin geschickt, und sei es nur um sicherzustellen, dass wir weiter ermitteln sollen.

Da keine anders lautende Rückmeldung erfolgte, begaben wir uns in unser Hotel um genug vorzuschlafen, damit wir kommende Nacht zum Hotel am Stadtrand fahren können um dort hoffentlich noch etwas mehr zu erfahren. Diese Hoffnung ist nicht ganz abwegig, das der Techniker vermutlich den Löwenanteil der Nachforschungen angestellt hatte und womöglich auch eine pfiffige Art und Weise hatte, seine Daten zu verstecken.
Notiz an mich: Unbedingt möglichst unauffällig die betreffende Familie Tao durchleuchten. Klingt mir ein bisschen nach Triade und damit würde das Gefahrenlevel schlagartig ansteigen.

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